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Wolle und Seide im historischen Gewand

Gottorfer Hofmusik Wolle und Seide im historischen Gewand

Alles fließt: Mit dem „flow“ früh- und hochbarocker Streicherkammermusik des 17. Jahrhunderts sorgte das Spezialistenensemble La Dolcezza für einen betörenden Kontrast in dem am Wochenende begonnenen Festival Gottorfer Hofmusik.

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Zur Eröffnung des diesjährigen Alte-Musik-Festivals erinnerten Bläser in der Schlosskapelle prachtvoll an die einst starke Achse zwischen den Herzogtümern Sachsen-Weißenfels und Gottorf.

Quelle: Marco Ehrhardt

Schleswig. Hatten am 29. April die Hochfürstlich Sachsen-Weißenfelsischen Hoftrompeten mit Pauken und Orgelgepfeife in der ausverkauften Schlosskapelle an herrschaftliche Pracht erinnert, ging es im gut besuchten Hirschsaal am kommenden Abend um feinere „Rekreation des Gemüts“, wie Bach das zwei, drei Generationen später genannt hat.

Über dem näselnden Fundament einer Bassgambe durchdrangen und verhakten sich die weichen Klänge der Damsaiten von je zwei Violinen und Violen wie Wolle von bildmächtigen Gobelins. Darin setzten die Schwanenhals- und Basslaute von Matthias Müller Akkord- und Zupfakzente wie Lichtreflexe. So entstanden Affekt-Momente mit viel Charme. Da stauten sich die Liebesleid-Tränen in schmerzlichen Vorhaltsdissonanzen oder swingte sich die Lebensfreude in kleinen Tänzchen aus. Nomen es omen: La Dolcezza.

Die virtuose Primaria und Ensemblegründerin Veronika Skuplik hatte Repertoire gewählt, das tatsächlich einst am Gottorfer Hof für seidigen Streicherglanz gesorgt hatte: Melancholisches von der elisabethanischen Größe Anthony Holborne, instrumentale Psalm-Transformationen des allemal beachtlichen Gottorfer Hofkapellmeisters Augustin Pfleger (über Super flumina Babylonis) oder intimes Herzschmerz-Pulsieren von und nach Altmeister John Dowland. Künstlerischer Höhepunkt war vielleicht das in wechselnd intimen Besetzungen selig sanft strömende Chaconne-Geflecht, das der auch in Lübeck und Kopenhagen wirkende Rigaer Domorganist Johann Valentin Meder zum Buß-Thema Ach Herr, strafe mich nicht verfasst hatte.

Der kurzfristig geänderte Programmablauf in Kombination mit dem weit verbreiteten Musikerirrtum, „privat“ auf der Bühne eingestreute Ansagen seien vom überwiegend älteren Konzertpublikum tatsächlich zu verstehen, brachten zwar unnötig irritierende Konfusion ins Konzert. Dem tiefen Eindruck, den der erfüllende Abend am spürbar akustisch richtigen historischen Ort beim begeisterten Publikum hinterließ, konnte das aber nichts anhaben.

Nächste Termine: Am 1. Mai bietet Tbonebrass mehrchörige Kompositionen des 17. Jahrhunderts in der Schlosskapelle. Am 2. und 3. Mai folgen im Hirschsaal jeweils Vorträge am Rande der Gottorfer Orgelakademie. Am 4. Mai huldigt dann das United Continuo Ensemble in der Schlosskapelle dem über Dresden auch auf Gottorf bekannten kaiserlichen Kapellmeister Antonio Caldara. Beginn ist stets 19 Uhr.

Internet: www.gottorfer-hofmusik.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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