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Männer wollen reden

Thespis Männer wollen reden

Danny, der Alki in der Londoner City, ist nur einer der Männer mit Redebedarf, die am vierten Tag beim Thespis-Festival auf der Bühne stehen. Auch Ambrose, Shell-Ingenieur aus Irland, kann die Worte nicht halten.

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Verwickelte sein Publikum in einen gewaltigen Stoff: der Ire Donal O’Kelly.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Sie muss jetzt mal raus, die ganze Geschichte. Die Wut, als sich die Occupy-Demonstranten plötzlich so unverblümt auf Dannys Schlafplatz vor St. Paul’s Cathedral breitmachen. Das Staunen, als er plötzlich mittendrin steckt in der Camp-Küche und das Leben sich plötzlich wieder nach mehr anfühlt als nur nach dem nächsten Schluck. Und die Trauer, weil es am Ende doch kein Happy End gibt für den Alki in der Londoner City, keinen dauerhaften Weg zurück in eine Welt, wie er sie auch mal hatte.

 Ganz frontal kommt das im Schauspielhaus-Bistro über die Zuschauer. Marius Borghoff kübelt das Gefühlswirrwarr, das dieser Danny in Tim Price‘ Monolog Protestsong durchlebt, mitten in den Raum. Mit Rucksack, Kofferradio, schwappender Bierdose und großem Energieüberschuss. Im ungehobelten Stakkato-Schimpfwortschwall, abgehackten Sätzen, fahriger Bewegung. Ein im Kreis Getriebener, der manchmal ganz still und verletzlich werden und das Leben in seinen Facetten wahrnehmen kann. 2015 hat Borghoff das Stück mit Regisseurin Kristin Trosits am Kieler Schauspielhaus erarbeitet, eine schauspielerische Tour de Force, die dem Zuschauer in ihrem Sog die (Innen)Welt des Obdachlosen erstaunlich naherückt. Beeindruckend hart an der Realität.

 Danny aber ist nur einer der Männer mit Redebedarf, die am vierten Tag beim Thespis-Festival auf der Bühne stehen. Auch Ambrose, Shell-Ingenieur aus Irland, der später in der Pumpe dran ist, kann die Worte nicht halten. Den Mann, den der Ire Donal O’Kelly in seinem preisgekrönten Stück Fionnuala erdacht hat und verkörpert, quält sein Gewissen – seit jener Regennacht, in der die Bohrmaschine mit dem poetischen Namen, die den Tunnel für eine Gaspipeline (so groß wie nie zuvor) quer durch Irland freischlagen soll, im Sumpf landete. Und dem Erzähler im Nebel die mythische Fionnuala erschien: ein wortklaubender bissiger Schwan.

 Ein gewaltiger Stoff ist das, in den O’Kelly sein Publikum verwickelt. Ausgelaugt und verschwitzt stellt er seinen Ambrose hin, lässt die Worte langsam kommen, steigert sie zu einer Suada zwischen Reue, Kindheitserinnerungen und Geständnis. Darin verzwirbeln sich Slang, Reim und hoher poetischer Ton ebenso wie die Umweltsünden des 21. Jahrhunderts und die irische Mythologie. Ein Text, der dem mit der Materie wenig vertrauten Zuschauer einiges abverlangt. Und in dem sich zwischen Magie und Desillusion eine poetische Umweltparabel entfaltet.

 Thespis heute, Mittwoch: 17 Uhr, Pumpe (“Secondhand-Zeit“); 20 Uhr, Schauspielhaus (“Jedermann Reloaded“). Kartentel. 0431/901901, www.thespis.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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