2 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Malerei als Therapie

Lübecker Grass-Haus zeigt den Künstler Winston Churchill Malerei als Therapie

Er ist vermutlich der hochkarätigste Künstler, den das Lübecker Grass-Haus je präsentiert hat. Winston Leonard Spencer-Churchill (1874-1965), Sohn aus einem britischen Adelshaus, Staatsmann von globalem Format, Kriegsherr und britischer Nationalheld. Daneben jedoch auch leidenschaftlicher Reiter, Freizeit-Maurer, professioneller Schriftsteller und Maler aus Berufung.

Voriger Artikel
Freilichtmuseumes Molfsee: Zehn Millionen Euro für Neubau
Nächster Artikel
Vom Krimi zur Kultfigur

Ausstellungskuratorin Tatjana Dübbel mit Churchills Bildern „Schwarze Schwäne in Chartwell“ und „Buddha und Ritterstern“.

Quelle: dpa

Lübeck. Die letzten beiden Beschäftigungen des konservativen Fortschrittspolitikers machten ihn interessant für Jörg-Philipp Thomsa, den Leiter des Grass-Hauses: Mit den beiden künstlerischen Talenten ist Churchill ein Fall für das Museum, dessen Augenmerk Personen gilt, die – wie der Namensgeber – in Literatur und Bildender Kunst zu Hause sind oder waren. Zehn Jahre lang habe er die Idee einer Churchill-Ausstellung mit sich herum- und der Kulturstiftung Lübeck angetragen, jetzt habe er sich mit Unterstützung des Landes und der Sparkassen-Stiftung realisieren können, so Thomsa. Der Bedeutung des Politikers angemessen, übernahm Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Schirmherrschaft.

 Original-Gemälde, persönliche Gegenstände und Schriften konnte Kuratorin Tatjana Dübbel für ihre Ausstellung aus Großbritannien ausleihen. Aber auch das Bild einer Tempelruine, die Churchill 1934 in Griechenland malte, kam nach Lübeck – das Ölgemälde hatte der britische Ex-Premier 1956 Konrad Adenauer geschenkt.

 Ein begnadeter Autor war Churchill bereits vor seiner politischen Karriere. Neben historischen Büchern und Reiseberichten ist auch ein Roman überliefert: Savrola – A Tale of the Revolution in Laurania. Ein omnipotenter Held, unschwer als Ebenbild des Autors erkennbar, führt darin einen Aufstand gegen einen Potentaten an. Churchill schrieb dieses Epos kurz vor der Jahrhundertwende auf der Fahrt nach Indien, wo er wieder einmal einen Kolonialkrieg begleiten sollte.

 Den Nobelpreis für Literatur erhielt er dann viel später – im Jahr 1953 – und vor allem für sein großes historisches Buch Der Zweite Weltkrieg, das in Großbritannien heute noch als Standardwerk gilt. Einige Hörstationen in der Ausstellung präsentieren Texte von Churchill, gelesen vom Schauspieler Manfred Zapatka.

 An das Malen war Churchill durch eine Niederlage im Ersten Weltkrieg gekommen. Als Erster Lord der Admiralität war er verantwortlich für die Landung der alliierten Truppen auf der türkischen Halbinsel Gallipoli – zehntausende Soldaten verloren ihr Leben. Churchill musste zurücktreten, seine Karriere schien beendet. „Das Malen war für ihn eine Therapie“, sagt Kuratorin Dübbel. Er hatte hochkarätige Lehrer und einen unbändigen Ehrgeiz: „Ein Bild zu malen ist wie eine Schlacht zu schlagen“, schrieb er im Essay Painting as a Pastime. Und doch muss er dabei auch Spaß empfunden haben, denn ein anderes Zitat, an der Wand des Grass- Hauses zu lesen, lautet: „Wenn ich in den Himmel komme, gedenke ich, einen beträchtlichen Teil meiner ersten Million Jahre mit Malen zu verbringen.“

 Über den künstlerischen Wert der im akademischen Stil gehaltenen Landschaftsansichten will sich Tatjana Dübbel nicht eindeutig äußern. Nur so viel: „Das Niveau seiner Kunst liegt über dem des Dilettanten.“ Churchill-Bilder würden in England zu Millionenbeträgen gehandelt, sogar das Paar Brad Pitt/Angelina Jolie habe sich eines gesichert. Was natürlich kein Qualitätsnachweis ist. „Es geht uns weniger darum, welchen Platz Churchill im Kunstolymp einnimmt, als darum, eine der spannendsten Personen des 20. Jahrhunderts von bisher weniger beachteten Seiten aus zu betrachten“, wendet denn auch Jörg-Philipp Thomsa ein.

  „Winston Churchill. Schriften. Reden. Bilder“ , Günter Grass-Haus Lübeck, bis zum 12. Februar. Katalog (45 Seiten). 5 Euro.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3