20 ° / 14 ° stark bewölkt

Navigation:
Das Sternentheater des Herzogs im 21. Jahrhundert

Schleswig Das Sternentheater des Herzogs im 21. Jahrhundert

Der Gottorfer Globus war einst so berühmt, so faszinierend, dass selbst Zar Peter der Große nicht von ihm lassen wollte. Er erbat sich das barocke Wunderwerk als Geschenk. Dabei stand am Anfang nur ein früher Science-Fiction-Text.

Voriger Artikel
Tschaikowsky im Fokus
Nächster Artikel
Tanz im Sand: Palucca-Studenten auf Hiddensee und Sylt

Das zehnjährige Bestehen der Rekonstruktion des barocken Globus aus dem 17. Jahrhundert wird am 12.07.2105 mit einem Tag der Offenen Tür gefeiert

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Schleswig. 10.000 Entwicklungsstunden. 20 000 Gesellenstunden. Drei Jahre Arbeit. Ein Auftrag, für den sich lange auch unter Großunternehmen niemand fand, der geeignet erschien. Dann kam Jochen Sörensen aus Schleswig und baute den Gottorfer Globus, der als erstes Planetarium der Welt gilt, neu auf. „Für mich war das normal“, sagt der 74-Jährige im Rückblick.

Zehn Jahre ist es her, dass der Globus, eine Rekonstruktion des Originals aus dem 17. Jahrhundert, der Öffentlichkeit übergeben wurde. Mit einem Tag der offenen Tür wird das Jubiläum am Sonntag gefeiert.

Der Plan zur Wiedererrichtung der begehbaren, sich drehenden und innen mit Sternbildern ausgemalten Weltkugel reifte schon nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt Kunsthistoriker Ulrich Schneider, bei der Stiftung Schloss Gottorf zuständig für den Globus. Mal fehlte das Geld, mal der politische Wille, doch „dann kam der richtige Moment“. Als die Hermann Reemtsma Stiftung als Geldgeber auf ihn zukam, zögerte Techniker und Maschinenbauer Sörensen nicht. „Ich wusste als Schleswiger, was dieser Globus bedeutet.“

Die Weltkugel hatte sich Zar Peter der Große 1713 als Geschenk erbeten. So kam sie nach St. Petersburg. Im Lomonossow Museum ist heute noch das Original des Gottorfer Wunderwerks zu sehen — auch wenn nach einem Brand nicht mehr wirklich viel original ist. „Es ist umstritten, wie genau er aussah“, sagt Schneider. „Die Rekonstruktion einer technischen Meisterleistung“ nennt er den neuen Globus. Dahinter stehe nicht nur die Sternbeobachtung, „sondern ein Objekt, das dazu beitragen soll, die ganze Welt zu verstehen“.

Auf der Gottorfer Schlossinsel montierte Sörensen vor einem Jahrzehnt den Globus, baute ihn auf einer Lafette auf. Fast ein Jahr dauerten die Arbeiten dort. „Die Besucher drückten sich die Nasen platt“, erinnert sich Schneider. Durch das Fenster des neuen Globushauses wurde die riesige Kugel hineingehievt, über die Ostseite, über die das Original sein Haus einst Richtung Russland verlassen hatte.

Kugel, Antrieb, Tür und Holzbank hatte Sörensen errichtet, dann kam die Malerei ins Spiel. 60 Quadratmeter sphärisch gekrümmte Fläche mit Himmelsdarstellung — einfach drauflospinseln ging da nicht. Globusstreifen aus dem Wiener Globusmuseum dienten als Anschauungsmaterial.

Das Deutsche Museum in München half mit dem Verweis auf einen Lichttechniker, der in Planetarien arbeitete und die Daten aus dem 17. Jahrhundert in eine Excel-Tabelle des 21. Jahrhunderts übertrug und umrechnete. Die Vermessung der Sterne war nur ein Schritt, ein Theatermaler-Paar gestaltete dann den Globus von innen und außen - sie den Himmel, er die Erde.

Ob das Gottorfer Schmuckstück nun korrekt bemalt wurde, ist umstritten, erzählt Schneider. Manche Quellen seien mit Fragezeichen versehen, manche widersprächen sich. Klar ist: Ab 1650 wurde der Globus unter Herzog Friedrich III. erbaut. Er wiederum war von einem Buch inspiriert, das die erste Beschreibung eines Planetariums enthielt, erläutert Schneider. „Dann kaufte er sich ein Kompetenzteam zusammen.“

Die Umsetzung des „Hochtechnologieprojekts“ sollte auch heute noch Besucher faszinieren, findet der Kunsthistoriker. „Was unsere Ahnen mit ganz bescheidenen Mitteln hingekriegt haben!“ Literatur sei zu Wissenschaft, Fiktion zu Realität geworden. Bescheiden ist auch Jochen Sörensen. „Für mich war es einfach ein Auftrag. Man freut sich darüber, dass alles gut gelaufen ist.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3