11 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Notenfrei eindringlich

Sommerkonzert Preetz Notenfrei eindringlich

Neues Dach, neuer Inhalt? Die neu gedeckte Klosterkirche Preetz erlebte zum Abschluss der 55. Sommerkonzerte jedenfalls eine Art blaues Wunder, denn das geladene Vision String Quartet dürfte am Montagabend den bislang außergewöhnlichsten Beitrag in der Geschichte der Reihe geleistet haben.

Klosterkirchhof Preetz 54.232759 10.278272
Google Map of 54.232759,10.278272
Klosterkirchhof Preetz Mehr Infos
Nächster Artikel
Ausstellung "sports/no sports": Einfluss von Sport auf Mode

Cool und fit: Jakob Encke und Daniel Stoll (Violinen), Leonard Disselhorst (Cello) und Sander Stuart (Viola).

Quelle: visionstringquartet.com

Preetz. Die vier jungen Streicher aus Berlin begeisterten das Publikum einerseits mit dem tiefschürfenden Ernst, mit der sie große Musik von zwei Komponisten spielten, die zu den Bedrängten durch die widerlichen Diktatoren Hitler und Stalin zählen. Andererseits mit dem Spaß und der Coolness, mit der sie die stilistischen Grenzen der ach so ehrwürdigen Streichquartett-Gattung Richtung Jazz und Pop sprengten.

 Erwin Schulhoff weist in den wilden Zwanziger Jahren schon in diese Richtung, wenn er in seinen Fünf Stücken für Streichquartett den Wiener Walzer und Tänze seiner böhmischen Heimat in eine Art kubistisch von allen Seiten gleichzeitig hörbares Strukturnetz aus Expression, Jazzanklang und Neobarock verspannt.

 Dass die Visions tatsächlich auswendig spielten, verstärkte den fesselnd interaktiven Effekt, denn man meinte die Musik im verschachtelten Entstehen mit Händen greifen zu können. Das galt auch für Dmitri Schostakowitschs berühmtestes Quartett, das Achte, das sich mit dem tönenden Initial des Komponisten, d-(e)s-c-h, unablässig antifaschistisch unter die Haut des Hörers bohrt – vorausgesetzt, es wird so eindringlich, so mutig ungeschönt, so abgründig verletzlich und wütend rhythmisiert gespielt und düster harmonisch ausgeleuchtet wie hier.

 Der Eindruck, tiefer im Kopf des Komponisten zu stecken als gewohnt, korrespondierte nach der Pause mit der köstlichen Suggestion spontaner Improvisation über Beatles-Songs (Come together), Jazz-Standards (Goodmans Rachels Dream, Wallers Ain’t missbehavin’ oder Gershwins Fascinating Rhyhtm), Pixar-Filmmusik (For the birds) oder Musical (Harvey Schmidts Fantasticks-Hit Trying to remember). Doch beim zupackenden Vision String Quartet, nun bestens verstärkt und ausgepegelt, blieb (fast) nichts dem Zufall überlassen. Da wurden die Soli genau getimt, perkussive Effekte platziert, Blue-Note-Färbungen lustvoll und hellhörig ausgekostet. Primarius Jakob Encke gab an der Violine nicht nur mit Verve den Grappelli, er glänzte auch als vorwitziger Stand-up-Moderator.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3