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Schmelztiegel der Identitäten

Kulturhauptstadt 2016 Schmelztiegel der Identitäten

Das polnische Wroclaw ist neben San Sebastian (Spanien) Kulturhauptstadt Europas 2016. Die Stadt erwartet in diesem Jahr rund 4,6 Millionen Touristen. Geplant sind nach einem spektakulären Auftakt am 16. Januar mehr als 1000 Veranstaltungen, das Budget dafür liegt bei 82 Millionen Euro.

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Das Kulturhauptstadtjahr gewährt viele spannende Einblicke: Torbogen in der Altstadt von Wroclaw (Breslau).

Quelle: dpa

Wroclaw. „Lass mich jetzt mahlen, und du ruh dich aus.“ Dieser Satz aus der Chronik des Klosters Heinrichau bei Wroclaw/Breslau soll angeblich der erste geschriebene Satz in polnischer Sprache sein. Ein Mönch notierte den Ausspruch eines Bauern im 13. Jahrhundert, weil er es so ungewöhnlich fand, dass ein Mann seiner Frau Hilfe anbot. Ein deutscher Mönch schreibt einen lateinischen Text und zitiert einen tschechischen Mann, der zu seiner polnischen Frau spricht: Der Kulturen- und Sprachenmix ist typisch für die Stadt.

 Hier regierten vor Deutschen und Polen schon Tschechen, Habsburger, Ungarn und Hohenzollern. Diese wandlungsreiche Geschichte steht im Mittelpunkt von „Wroclaw 2016“. Die niederschlesische Metropole ist in diesem Jahr „Kulturhauptstadt Europas“ – als erste polnische Stadt. Auch die Chronik über den hilfsbereiten Bauern wird dann ausgestellt werden.

 Die Stadt musste sich schon oft wieder neu erfinden: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen aus Breslau vertrieben und viele Bewohner aus Lemberg umgesiedelt. 70 Prozent der Stadt lagen in Trümmern, weil Breslau zur Festung erklärt wurde und sich bis zuletzt verteidigen musste. Der malerische Dom auf der Insel, die von den Einwohnern als „kleines schlesisches Vatikan“ gerühmt wird, schaffte es nicht auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes, weil er teils rekonstruiert wurde.

 In den Sechzigerjahren verlegte sich das Land vom originalgetreuen Wiederaufbau auf Billigarchitektur. So stehen heute rekonstruierte Bürgerhäuser im Barockstil Seite an Seite mit Plattenbauten. Es wird diskutiert, ob man diese Schandflecke nicht abreißen sollte. Das einzige erhaltene Gebäude aus der Nazi-Zeit ist der Regierungssitz des Verwaltungsbezirks Niederschlesien, es sticht mit seiner kühlen Brachialästhetik hervor. Auf dem Dach wehen eine polnische und eine europäische Flagge einträchtig im Wind. Ob letztere bald weichen muss, jetzt, da die neue Regierung einen Anti-Europa-Kurs einschlägt?

 In der hippen „Bar Barbara“, der einstigen Intelligenzija-Kneipe und heutigen Infozentrale für „Wroclaw 2016“ wird Wasser mit Kohlensäure frech als „H2O + CO2“ abgekürzt. Die Formel für das kommende Jahr lautet den Kuratoren des Kulturhauptstadtjahres zufolge „Wroclaw = Made in Europe“. Tatsächlich spiegelt diese Stadt viele Facetten Europas wider: Die zahlreichen Bars verströmen Wiener Kaffeehausflair, die unebenen Straßen und die mit Street-Art belebten nackten Wände neben Baulücken den rauen Charme des Ostens. Das Top-Restaurant „Acquario“ auf dem Dach des mondänen Monopol-Hotels serviert europäische Extravaganzen, und viele Gebäude sind im Bauhausstil errichtet. Eine 1929 errichtete Werkbundsiedlung (WuWa) Breslaus fand Nachahmer von Zürich bis Straßburg. 2016 sollte eigentlich eine moderne Version der „WuWa“ eröffnet werden, inklusive Kindergarten, Marktplatz und Kulturhaus, doch das Projekt wird nicht rechtzeitig fertig.

 Der Koordinator der Ossolinski-Nationalbibliothek, Marcin Hamkalo, sagt: „Bei uns im Ossolineum treffen sich die Kulturen und Identitäten. Wir sind eine Institution, die zeigt, dass dieser Mix produktiv sein kann.“ Sehr stolz ist man hier auf die einzige Handschrift des polnischen Nationalepos’ Pan Tadeusz aus dem Jahr 1834. Die Verse von Adam Mickiewicz lernen viele Polen in der Schule auswendig. Um die unscheinbare Handschrift wird zum Kulturhauptstadtjahr gar ein eigenes Museum mit vielen interaktiven Stationen errichtet. Das Versepos handelt vom Unabhängigkeitskampf gegen Napoleon, für die Polen ein wichtiges identitätsstiftendes Moment. Zu Ehren des Sieges wurde 1911 auch die Jahrhunderthalle errichtet, das Wahrzeichen Breslaus. Es beherbergt auch die internationale Buchmesse im Winter.

 „Bei uns steht der Kampf gegen Bevormundung und für Meinungsfreiheit im Zentrum romantischer Kunstwerke“, erklärt Hamkalo. „Einige sagen, die Romantik habe mit dem Sieg gegen Napoleon geendet. Ich meine, sie ist erst 1989 obsolet geworden.“ Ob nun ein neuer Kampf der Künstler für Grundrechte beginnt, da der neue Kulturminister Piotr Glinski versucht hat, eine Jelinek-Inszenierung in Wroclaw verbieten zu lassen? Glinski hatte getönt, es sollten keine Steuergelder für eine Inszenierung ausgegeben werden, in der Pornodarsteller vorgeblich Sex auf der Bühne hatten. Hamkalo kommentiert die Kulturpolitik der Regierenden: „Bis jetzt sind es nur unweise Worte. Doch wenn sich das ändert, wäre das sehr beängstigend.“

 Für Ferdinand Lassalle legen SPD-Delegationen regelmäßig Kränze nieder. Dem Besucher wird beim Anblick all dieser Grabstätten von Menschen, die einst das Geistesleben der Stadt prägten, schmerzlich bewusst: Bei aller heutigen Vielfalt ist dieser Stadt doch etwas verlorengegangen.

Von Nina May

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