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Die ewige Altersfrage

Deutsche Oper Berlin Die ewige Altersfrage

In seiner vorletzten Oper „Der Fall Makropulos“ (1925) versucht der tschechische Komponist Leoš Janáček eine Antwort auf die Frage nach dem Wert ewigen Lebens zu geben. David Hermanns Inszenierung hat an der Deutschen Oper Berlin einmal mehr die Qualitäten und die Aktualität dieser Oper bewiesen.

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Leuchtkraft und Innigkeit

Magischer Mittelpunkt: Evelyn Herlitzius als dreihundert Jahre alte Emilia Marty.

Quelle: Bernd Uhlig

Berlin. „Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“, sagt Thomas Bernhard. Und was ist, wenn man an das Gegenteil denkt? Wenn man sein Leben beliebig verlängern könnte und dabei auch noch attraktiv aussähe? Wenn man über die Jahrhunderte Erfahrungen ansammeln könnte und die Liebe in tausend Variationen kennen gelernt hätte? Ewig zu leben und dabei jung sein, wünscht sich das nicht jeder?

 In seiner vorletzten Oper „Der Fall Makropulos“ (1925) versucht der tschechische Komponist Leoš Janáček eine Antwort zu geben auf diese die Menschheit seit eh und je bewegenden Fragen. Zentrale Figur seiner Oper ist die über dreihundert Jahre alte Emilia Marty, die blendend schön aussieht, höchst erfolgreich ist als Opernsängerin und jeden, ob Mann oder Frau, in ihren Bann schlägt. Ihr Vater Hieronymos Makropulos, der Leibarzt des habsburgischen Kaisers Rudolf II., hatte an seiner jungen Tochter ein Lebenselixir ausprobiert, das ihr dreihundert Jahre Leben ermöglichte. Jetzt aber muss das Elixir erneuert werden, und um es zu bekommen, ist ihr jedes Mittel recht – was kümmert es sie da, wenn sich ihre Liebhaber weiterhin wegen ihrer Kälte und Herzlosigkeit umbringen, sie ist es eh gewöhnt.

 David Hermanns Inszenierung von „Die Sache Makropulos“ an der Deutschen Oper Berlin hat einmal mehr die Qualitäten und die Aktualität dieser Oper bewiesen. Er lässt sie in einem karg möblierten, großen Raum spielen (Bühnenbild und Kostüme: Christof Hetzer), der in den drei Akten als Kanzlei, Raum hinter der Bühne und Hotelzimmer dient. In ihrem langen Leben hat Emilia Marty viele Identitäten angenommen, hat ihren Namen häufig gewechselt, die Initialen E.M. aber immer beibehalten. Drum zeigt David Hermann im Zeitraffer die vielen verschiedenen Namen mit den immer gleichen Anfangsbuchstaben und neben der „echten“ Emilia Marty sechs andere, ganz identisch aussehende Emilia Martys, alle mit rotem Haar. Das aber stiftet eher Verwirrung als dass es hilfreich wäre. Soll so das Leid, das ihr widerfahren ist in ihrem langen Leben, deutlicher erfahrbar werden, da wir alles gleich mehrfach sehen? Wenn Emilia beispielsweise zu der erschreckenden Erkenntnis kommt „Tot sein, am Leben sein – das alles ist dasselbe... Langweilig das Gutsein, langweilig auch die Bosheit. Langweil' auf Erden, Langweil' im Himmel! Und Sterben noch das Beste von allem“, dann erleidet jede einzelne ihrer Dubletten noch einmal die Qualen der Vergangenheit und Gegenwart.

 Ein einziges Mal hat sie wirklich geliebt: Josef Ferdinand Prus. Ihr gemeinsames Kind Ferdinand Gregor nennt sie noch immer liebevoll Ferdi. Wenn der Anwalt Kolenatý diese Namen erwähnt, dann hört sie kaum noch hin, da vor ihrem inneren Auge diese Personen Gestalt annehmen und der kleine Ferdi von ihr geherzt wird. Eindringlicher kann man wohl kaum gestalten, dass sie sich nach echter Liebe und echtem Menschsein sehnt. Am Schluss wird die Musik roher, härter, denn plötzlich fasst sie den Entschluss, ihr Leben nicht verlängern zu wollen. Sie will das Rezept für ein langes oder gar ewiges Leben verschenken, aber niemand will es haben. Anstatt die Oper entsprechend dem Libretto enden zu lassen mit der Verbrennung des Rezeptes, mit dem reinigenden Feuer der Erneuerung, geht Emilia Marty nach hinten ab und begegnet ihrem einstigen Liebhaber, den sie kurz liebkost. Für einen Augenblick ist wieder Mensch geworden – David Hermann will uns, die Zuschauer, nicht ganz ohne Trost entlassen.

 Es gibt nur wenige Opern, in denen die Hauptfigur so zentral ist wie hier, von ihr hängt in hohem Maße das Gelingen einer Aufführung ab. Evelyn Herlitzius ist eine grandiose Emilia Marty, deren hervorragend fokussierter, kräftiger und ebenmäßiger Sopran alle Hürden dieser schwierigen Partitur mit Leichtigkeit nimmt. Großes Lob auch für Seth Carico als umtriebiger Doktor Kolenatý und Ladislav Elgr als Albert Gregor, der in Emilia „bis zur Besinnungslosigkeit“ verliebt ist. Donald Runnicles verlangt dem Orchester der Deutschen Oper hohe Präzision und eine Intensität ab, die jede Nuance dieser einzigartigen Oper mit vitalem Leben füllt. Langer, herzlicher Beifall und einige Buhs für das Regie-Team.

 www.deutscheoperberlin.de

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