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Zwischen Erleben und Fiktion

David Wagner Zwischen Erleben und Fiktion

Als der lange erwartete Anruf aus der Klinik kommt, man habe ein Spenderorgan für ihn, zögert der Todkranke einen Augenblick. Diesen Anruf hat er ersehnt, er hat die bevorstehende Transplantation mit den möglichen Komplikationen erwartet und befürchtet. Doch was bleibt dem an einer unheilbaren Autoimmunhepatitis Erkrankten übrig, als sich vertrauensvoll in die Hände der Ärzte zu geben, wenn er leben und seiner kleinen Tochter ein guter Papa sein will.

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David Wagner verarbeitete in seinem Buch „Leben“ seine eigene Krankheitsgeschichte.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Also packt er seine Sachen, bestellt ein Taxi und lässt sich in die Klinik fahren. Diese Situation ist der Wendepunkt im Leben des Ich-Erzählers in David Wagners Buch Leben, für das der Autor 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. In diesem Roman verarbeitet er seine eigene Krankheitsgeschichte; wie sein Held musste er sich einer Lebertransplantation unterziehen. Am Dienstagabend stellte David Wagner das Werk im Literaturhaus vor.

 Seine Auswahl aus den 277 durchnummerierten Minikapiteln des Buches machte das Strukturprinzip des Buchs deutlich. Die einzelnen Passagen schildern genaue Beobachtungen aus dem Klinikalltag, protokollieren Selbstbefragungen, weiten sich zu Lebensgeschichten von Mitpatienten und Erinnerungen an Reisen aus oder zeichnen Traumbilder wie dem des Erzählers als Schwimmer im Meer, an dessen Strand ihn längst verstorbene Familienmitglieder erwarten.

 David Wagner gelingt es in seinem faktengestützten Roman die Balance zu halten zwischen persönlichem Erleben und literarischer Fiktion, ohne in die Falle rein protokollarischer Aufzeichnungen zu geraten. Dazu dient ihm eine weitgehend lakonische, unterkühlte Sprache. Doch in manchem Bild sickert durch die Worte ein Subtext, der die Mischung aus Hoffnung und Angst, den ständigen Begleitern des Erzählers, erahnen lässt.

 Jenseits von Gefühligkeit ebenso wie von Emotionslosigkeit also ist David Wagners Buch, das er einen „Roman“ nennt, weil es neben seinen eigenen Erlebnissen viele fiktionale Elemente enthält und mit der Wahl des Ich-Erzählers Distanz wahrt. Im Englischen würde man wohl den Begriff „Faction“, eine Mischung aus „Fact“ und „Fiction“, für dieses Buch wählen.

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