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Ein bisschen Größenwahn

Deichkind in Flensburg und Hamburg Ein bisschen Größenwahn

Keine Spielchen mehr. Zumindest heute nicht. Die Helden sind müde, oder mit Sebastian „Porky“ Dürre (37) ausgedrückt „komplett am Arsch“. Dürre liegt auf dem Sofa des Interviewraums in einem hippen Berliner Hotel, Philipp „Kryptic Joe“ Grütering (40) sitzt daneben und reibt sich die Schläfen. Von Steffen Rüth

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Mögen es grell, ob musikalisch oder optisch, und sind damit schwer erfolgreich: Deichkind aus Hamburg.

Quelle: Jonas Lindström

Flensburg/Hamburg. Was haben die denn nur? Sonst kennt man Deichkind doch als unkaputtbare Energiebolzen, die mit kindlichem Eifer über die Bühne toben und ihre kluge Ballermusik in die Menge feuern. Teufel Alkohol ist schuld. Dürre, sich quälend langsam aufrichtend: „Ab morgens um 11 Uhr schon Champagner, das halten selbst wir nicht aus. Wir sind als Tiger in diese vier Interviewtage gestartet und liegen jetzt mitten an Tag Drei vor dir wie zwei Bettvorleger.“ Kollege DJ Phono (Produzent Henning Besser) sei schon heimgewankt, der dritte Frontmann Ferris MC gar nicht erst angetreten. Der Grund für den unerwarteten Schwächel-Anfall? Um Abwechslung ins ermüdende Frage-Antwort-Einerlei zu bringen, wollte die Band mit jedem Journalisten erst eine Runde des Saufspiels „Bam“ absolvieren, das war bei einem Halbstundenrhythmus auf Dauer nicht durchzuhalten. „Wir stehen kurz vor der Gastritis“, schaltet sich Grütering ein. „Wir sind nun mal Kindsköpfe und dachten, das wird superlustig.“

 Womit wir beim Thema und mitten im Herz der Band Deichkind wären. Niveau Weshalb Warum heißt das neue Album, der Titel ist als Hommage ans Sesamstraßen-Lied gedacht. „Wir sind mit der Sesamstraße aufgewachsen und als Kinder echt Fans gewesen“, sagt Grütering. Und Dürre ergänzt: „Ich war im Auto unterwegs ins Wendland, da lief eine CD von meinem Sohn, die heißt Wieso Weshalb Warum. Ich habe mitgesungen, mich versungen, und bumm, auf einmal stand der Titel des Albums fest.“ Wie gehabt klopfen Deichkind sich aus Techno, HipHop, Electro, Pop und Wahnsinn ihre Stücke zurecht. Häufig blitzt zwar noch das Hip-Hop-Fundament durch (So ’ne Musik), aber man schreckt keineswegs vor Großraumdiscokrach zurück. Das nach Ibiza-Techno klingende Porzellan und Elefanten sei selbst Bandmitgliedern zu kommerziell gewesen.

 Trotz all des massentauglichen Brechstangen-Geballers haben die Musiker viele kluge Dinge zu sagen – über die Gesellschaft, über die Art, wie wir leben, über uns. Bei niemandem sonst in Deutschland ist die Grenze zwischen Ernsthaftigkeit und Irrsinn so durchlässig wie bei Deichkind. Oder warum sonst sollten die Leute Phrasen wie „Arbeit nervt“, „Bück dich hoch“ oder „Leider geil“ in den Sprachgebrauch übernehmen? Grütering: „Es passiert halt manchmal, dass du solche Sätze ins Volk wirfst, und das Volk sie fängt. Dass du mit Phrasen so dermaßen den Zeitgeist triffst wie mit „Leider geil“, das kannst du nicht vorhersagen.“

 Welche Songs, welche Sätze diesmal hängenbleiben? „Like mich am Arsch“, obwohl der Slogan, so Porky, „voll 2012“ sei. Das Lied setzt sich kritisch mit dem Kommentierungsirrsinn im Internet auseinander. Außerdem „Denken Sie groß“, auch musikalisch eine der griffigsten Nummern. „Mir ist bewusst, welche negativen Konsequenzen zu viel Erfolgshunger haben kann“, sagt Philipp. „Ein bisschen Größenwahn ist geil. Nur musst du darauf gefasst sein, dass alles fürchterlich in die Hose geht, wenn du es übertreibst.“

Mittwoch, 29. April, 20 Uhr, Flens-Arena (Campusallee 2), Flensburg und Freitag, 1. Mai, 20 Uhr, O2-World (Sylvesterallee 10), Hamburg

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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