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Dem Hype traut die Band Leoniden nicht

Kieler Kritikerlieblinge Dem Hype traut die Band Leoniden nicht

Die Kieler Indie-Band Leoniden hat jüngst ihr Debütalbum veröffentlicht und wird plötzlich als eine der heißesten Newcomer-Bands der Republik gefeiert. Am Donnerstag, 16. März, präsentiert das Quintett seine Songs in der Kieler Pumpe.

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Guter Dinge: Lennart Eicke (links), Gitarrist der Kieler Band Leoniden, und Sänger Jakob Amr beim Interview im Kieler Café Bakeliet.

Quelle: mwe: Manuel Weber

Kiel. Das Album beginnt, als folge es dem Rat für ein gutes Mixtape, lässt es doch auf „Nevermind“, Opener und erste Single, gleich das nächste, noch größere Euphorie-Gewitter „1990“ losbrechen. Fast folgerichtig hat das Kieler Quintett Leoniden mit seiner Debüt-CD medial mehr als aufhorchen lassen, wird plötzlich als eine der Newcomer-Bands des Jahres gehandelt. Dabei gibt es die Band schon etwas länger, bestätigen Gitarrist Lennart Eicke und Sänger Jakob Amr beim Interview mit KN-Redakteur Thomas Bunjes im Kieler Café Bakeliet vor dem Leoniden-Konzert am Donnerstag in der Pumpe.

Beim Namen Leoniden klingelte was bei mir im Hinterkopf. Im KN-Archiv stieß ich auf zwei Konzert-Reviews: Leoniden Cabaret, 2008 in der Alten Meierei und 2009 in der Schaubude. Wart Ihr das?

Lennart Eicke: Ja, das waren wir.

Eure ersten Auftritte?

Eicke: Der erste war vielleicht 2005 oder 2006, aber auf jeden Fall war der im Jugendtreff in Pries.

Unser Rezensent Carsten Purfürst hat da damals viel Prog-Rock rausgehört. Lag er richtig? Insofern hättet Ihr Euch stilistisch ja ganz schön gewandelt …

Eicke: Das stimmt. Wir haben zu der Zeit wahnsinnig viel The Mars Volta gehört, danach waren wir irgendwie alle süchtig. Ich habe die sieben- oder achtmal gesehen, ich war der größte Mars-Volta-Fan auf der Welt, glaube ich. Das war auch mein erstes Konzert, mit 15, da musste mein Vater mit mir nach Köln. Denn als die in Hamburg waren, war ich auf Klassenfahrt, und ich habe gedroht, ich komme nicht mit auf Klassenfahrt, wenn du nicht mit mir nach Köln fährst.

Seid Ihr alle Autodidakten?

Eicke: Ja, alle, auch mein Bruder Felix an den Drums, Bassist JP Neumann und Keyboarder Djamin Izadi.. Wir haben uns in der Schule kennengelernt und machen zusammen Musik, seit wir zwölf sind. Jakob ist vor zwei Jahren dazu gestoßen. Noten lesen kann nur er.

Jakob Amr: Ich war auch eher Autodidakt. Ich habe mal Klavierunterricht und mal Gesangsunterricht gehabt und angefangen, Musikwissenschaften zu studieren, aber so richtig was daraus mitgenommen, außer jetzt das Notenlesen, habe ich eigentlich nicht.

Wir macht Ihr das dann mit dem Songschreiben?

Eicke: Wir nehmen immer alles gleich auf, nachher wird dran rumarrangiert.

Amr: Da wir mit dem Laptop arbeiten, ist das Zeigen auch ganz schnell gemacht. Das Fachvokabular brauchen wir dann nicht.

Eicke: Wir probieren halt wahnsinnig viel aus, wir nehmen von einem Lied -zig Versionen auf in unterschiedlichen Tempi, Längen und probieren dann aus, picken was raus, packen was dazu, transponieren noch mal …

Wenn Ihr so lange dran rumpuzzelt, wie leicht fällt Euch dann die Entscheidung zu sagen: Das ist es jetzt!

Beide: Wahnsinnig schwer!

Eicke: Du musst Dir das so vorstellen, wir haben diese Lieder zu schreiben angefangen, als wir vor zwei Jahren beschlossen haben, dieses Album machen zu wollen: Und dann haben wirklich auch zwei Jahre dran gesessen, und zwar nicht so zwei Tage die Woche, sondern streckenweise wirklich einfach täglich. Letzten Sommer waren wir eigentlich von morgens bis abends eingesperrt im Proberaum ...

Amr: … in Friedrichsort.

Eicke: Wir haben viele Lieder fertiggemacht, die allermeisten dann verworfen …

Endgültig für die Tonne oder gibt es auch welche auf Wiedervorlage?

Amr: Ich kann mir vorstellen, dass man irgendwann mal irgendwas davon zitieren möchte. Es gibt zum Beispiel einen Beat, den wir immer wieder versucht haben einzubringen, der es dann aber nie aufs Album geschafft hat Der kriegt vielleicht noch mal seine 200. Chance. Wie haben einen Drop-Box-Ordner mit den fertigen Skizzen, mit einem riesigen Pool an Ideen.

Eicke: Bei „Nevermind“ etwa war die letzte Version, die wir mit ins Studio genommen haben, die Nummer 127.

Amr: Und von 100 bis 127 geht es dann wirklich um die Hi-Hat-Figur im Free Chorus, bis wir die alle gut finden.

Insofern stimmt das mit dem Hang zum Perfektionismus, den man Euch nachsagt?

Amr: Selbstbestimmt, sagen wir gerne. Aber es ist auf jeden Fall Perfektionismus. Es ist auch sehr neurotisch, das kann man auch sagen. Aber irgendwie ist das auch der Reiz da dran und bedeutet ganz viel Spaß. Wenn das Ding dann wirklich fertig ist und Du weißt, fünf Leute in dem Raum haben ein Baby geboren, was sie wirklich lieben, mit jeder Facette, der Bassist liebt den Schlagzeug-Fill aus der ersten Strophe, der Schlagzeuger liebt die Gesangs-Phrasierung am Ende...

Eicke: Das Lied ist halt für uns fertig, wenn wirklich jeder das Gefühl hat, das ist sein neues Lieblingslied, ohne dabei demokratisch überstimmt worden zu sein. Wir suchen immer einen Konsens.

Klingt anstrengend …

Amr: Es ist anstrengend, aber ich glaube, es ist auch anstrengend, wenn man so eine Bauchgefühl-Band ist mit einem markanten Gitarristen, der sagt: Ej Leute, ich hab‘ hier diddeldiddeldiddeldip was geschrieben, spiel mal das, spiel mal das. Dann sind das häufig Songs, die sich nach ‘nem halben Jahr, nach ‘nem Jahr unbedeutend sind. Wir wollten halt keine Songs, die Momentaufnahmen sind von Kiel im Sommer 2016, sondern wirklich Songs, die wir in 20 Jahren noch gut finden. Oder in 50 Jahren.

Wie schon erwähnt, hat sich Euer Sound mit den Jahren gewandelt. Wann fing das an, und wie kam das?

Eicke: Als wir überlegt haben, dass wir ein Debütalbum machen wollen. Irgendwann fängt man an, etwas cooler damit umzugehen, dass man auch Musik von Michael Jackson mag. Dieses Mars-Volta-Ding hat sich auch ganz schön abgenutzt, irgendwie ist es dann auch echt langweilig. Die schreiben nämlich ein Lied nach dem anderen, das dann die zweite oder dritte Version ist von ‘nem besseren Lied.

Amr: Genau. Am Anfang haben wir auch in Punk- oder Hardcore-Bands gespielt, und es ist da schon so, dass Pop ein ganz negatives Stigma hat, aber dass man trotzdem auf der Heimfahrt im Tourbus Michael Jackson mitsingt, und alle schreien mit, und alle lieben’s. Und diesen Schritt irgendwann zu gehen und zu sagen: Ey, The Mars Volta ist wirklich geil, das ist wirklich abgefahren. Aber Michael Jackson ist einfach auch mega-krass! Und an diesem Punkt sind wir halt, und so haben wir auch das Album geschrieben.

Eicke: Und außerdem waren wir ja auch fertig mit dem anderen Sound.

Amr: Aber trotzdem ist er ja auch noch drauf, es gibt ja Stücke, die proggiger sind …

Warum hat es so extrem lange gedauert bis zum Debütalbum?

Eicke: Es war halt nie geplant.

Warum nicht?

Amr: Ich kann da mal reingrätschen. Ich habe ein altes Leoniden-Album, was nie rausgekommen ist, das haben die nicht rausgebracht, weil sie es nicht mehr gut fanden nach dem Studio.

Jakob, Du bist ja aus Hamburg zur Band gestoßen und hast ja noch andere Projekte laufen, etwa Zinnschauer … liegt das jetzt auf Eis?

Amr: Ich hatte noch Trouble Orchestra, als ich bei Leoniden eingestiegen bin, und das haben wir aufgelöst. Und Zinnschauer, das bin ja hauptsächlich ich und mein eigenes Tempo, jetzt gerade habe ich keine Zeit dafür.

Insofern hattet Ihr ja eine gewisse Zeit, Euch auf den Hype vorzubereiten, der jetzt losgeht, im „Intro"-Magazin etwa werdet Ihr gleich als „die derzeit aufregendste Band des Jahres“ gefeiert. Wie geht Ihr denn damit um?

Eicke: Ich glaube nicht, dass das ernsthaft irgendwas verändert. Ich glaube auch nicht, dass es diesen Hype wirklich gibt.

Amr: Wir wissen, dass dieser Hype nicht bedeutet, dass wir, wenn wir auf Tour fahren, ausverkaufte Shows haben und eine Million Leute vor dem Bandbus warten und schreien: „Leoniiiiiden!“ Wir freuen uns richtig, richtig doll, dass gefühlt alle Musikzeitschriften, die superwichtig sind oder zumindest waren vor zehn Jahren, uns feiern.

Eicke: Aber es geht auch gar nicht um die Musikzeitschriften. Wir haben echt viel Arbeit reingesteckt, und es ist unheimlich schön, dass jetzt was zurückkommt. Wir haben das ja gar nicht drauf angelegt, dass das Radios jetzt spielen, das ist für uns überhaupt nicht selbstverständlich.

Amr: Natürlich merken wir einen Aufwind, klar, aber auf der anderen Seite haben wir jetzt endlich ein Album, jetzt kann auch erst was passieren, und eigentlich ist das Jahr für uns schon fertig geplant, wir können jetzt diese fette Tour spielen …

Warum fängt die eigentlich in Münster an und nicht in Kiel?

(beide lachen), Amr: Generalprobe für Kiel …

Eicke: Ich habe mit unserem Booker telefoniert, jetzt 35 Festivals für den Sommer bestätigt, und dann gehen wir im Herbst noch mal auf Tour.

Amr: Egal, wieviel Hype, wir werden ein super, super spaßiges Jahr haben.

Ihr habt vor dem Album zwei EPs gemacht. 2014 kam „Invert Indiua“ raus, 2016 kam „Two Peace Signs“. Waren die so eine Art Testlauf?

Amr: Die erste EP war noch mit einem anderen Sänger.

Eicke: Und die zweite EP jetzt mit Jakob, das war so eine Art Testlauf. Da wollten wir mal gucken, was passiert, und ob das sich für uns lohnt, ein Album herauszubringen.

Amr: Wir hatten da das Album aber auch schon zur Hälfte aufgenommen. Und dann gab es kurz die Entscheidung, bringen wir jetzt einfach das Album raus. Aber dann haben wir gesagt: Nee, wir wollen nicht, dass das so verpufft, wir wollen erstmal ‘ne EP rausbringen.

Eicke: Das war eine harte Entscheidung. Wir sind geduldige Menschen, aber die anderthalb Jahre Warten …

Amr: Aber es hat sich total gelohnt, es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.

Und warum habt Ihr beim neuen Album auf einen Titel verzichtet?

Eicke: Weil das mit Namen irgendwie ganz schön schwierig ist.

Aber bei den EPs ging es ja auch.

Eicke: Wir haben es einfach nicht so mit Namen. Du hast nur ein Debütalbum, und stell Dir vor, dem gibst Du den falschen Namen.

Amr: Da sind halt Songs drauf, die sind drei Jahre alt, und da sind Songs drauf, die sind sechs Monate alt.

Warum fiel die Wahl auf „Nevermind“ als erste Single des neuen Albums?

Amr: Weil es ein super Song ist.

Eicke: Der hat sich so durchgesetzt. Wir haben ein paar Leute mal reinhören lassen, selber abgestimmt, er ist auch eher einer der zugänglicheren, das muss man auch sagen.

„1990“ von der zweiten EP hat es auch aufs Album geschafft. Auch, weil das so ein guter Song ist?

Eicke: Ja, ein absolut wichtiger Songs für uns. Der hat uns viele Türen aufgemacht.

Amr: Das war halt auch so das erste eigenständige Lebenszeichen mit mir. Und da gab es so krass viele Reaktionen drauf.

Es sind große Einordungsprobleme zu beobachten, was Euren Sound betrifft, was ja ein gutes Zeichen ist. Da ist von Indie-Rock oder Indie-Pop die Rede, von Hardcore, Punk, Funk, Disco, Neo-R&B, Synthie-Pop, sogar Hip-Hop habe ich gefunden. Manche denken sich dann ja gern ein eigenes Genre aus. Welches würdet Ihr denn da spontan wählen?

beide: Indie!

Amr: Und wenn man uns fragt, ob Rock oder Pop: beides.

Eicke: Aber das, was Du da gerade aufgezählt hast, ist für uns tatsächlich das größte Kompliment.

Einem Kollegen ist zu Eurer Musik eingefallen, dass sei „ein typischer Soundtrack, der Kiel als Hotspot für hippe Strandpartys“ gefehlt habe.

(beide brechen in lautes Gelächter aus) Amr: Wir werden häufig nach Kiel gefragt, wenn wir irgendwo anders sind. Viele Bands ziehen in die Großstädte, und ich bin von Hamburg nach Kiel gezogen. „Keeping it Kiel“, wurde uns gesagt (beide kichern). Und irgendwie ist das auch okay, wenn man mal einen sehr guten, warmen Tag am Strand erwischt, dann kann man sich nicht beklagen.

Ein anderer Kollege verpflanzt Euch ja auch prompt nach Hamburg. Weil Kiel so ein fischköppig-provinzielles, geografisch randständiges Image anhaftet?

Eicke: Ich weiß gar nicht, ob das so ist. Zumindest in der Szene, in der wir uns bewegen, ist die Schaubude eine echte Institution. Ansonsten ist Kiel natürlich der kleine Bruder von Hamburg.  

Und Jakob, Du wohnst jetzt hier.

Amr: Ja, seit acht Monaten.

Eicke: Das war die Bedingung.

Amr: Ja, wir haben wirklich einen Vertrag. Der sagt, wir müssen in derselben Stadt bleiben, solange wir das machen.

Und wie war das für Dich, im Gegensatz zu vielen den umgekehrten Weg zu gehen, von Hamburg nach Kiel? War das komisch?

Amr: Nein, jetzt nicht mehr. Kurz bevor ich nach Kiel gezogen bin, war ich schon etwas mehr als ein Jahr bei den Leoniden. Dann waren wir an dem Punkt, wir bringen das Album raus, auf einem eigenen Label.  Wir wollten es richtig machen, und da war es klar, dass wir besser alle in derselben Stadt sind. Ich habe direkt an der Reeperbahn gewohnt, und als ich dann hier gewohnt habe und nicht genau wusste, ob das jetzt die beste Idee der Welt war, da ist „Nevermind“ entstanden, aber acht Monate später kann ich jetzt den „Nevermind“-Jakob trösten.

Warum war die Gründung eines eigenen Labels wichtig?

Eicke: Wir haben uns mit vielen Labels getroffen, kleinen und großen, und sind uns mit keinem richtig einig geworden. Die kommen gleich mit Bedingungen. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber wir haben da wahnsinnig viel Zeit reingesteckt, richtig viel Arbeit, da wollten wir nicht, dass sich jemand einmischt.

Amr: Es gibt auch diesen Major-Kitsch …

Eicke: … macht das doch mal auf Deutsch …

Konzert: Donnerstag, 16. März, 20 Uhr, Pumpe, Haßstr. 22, Kiel; Support: I Salute

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