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Dramatisch und absurd

Argentinier César Aira im Literaturhaus Dramatisch und absurd

Hochsommerliche Temperaturen hin oder her - am Montag wurde im Literaturhaus der literarische Herbst eingeläutet. Und der steht diesmal im Zeichen der biografischen Spurensuche. Zur bestens besuchten Auftaktveranstaltung war mit César Aira ein Argentinier zu Gast, der mit seinen originellen Kurzromanen zu den bedeutenden Gegenwartsautoren Lateinamerikas zählt.

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„Ein Gesicht in der Masse der Romanfiguren ist immer das des Autors“: César Aira im Literaturhaus.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. In Kiel gab der 67-Jährige, der in diesem Jahr das Internationale Literaturfestival Berlin eröffnete, anhand eines Romans und eines Essays Einblicke in seine originelle Gedankenwelt. Dabei sorgte er in dem von Juliana Kálnay unter anderem in geschmeidigem Spanisch moderierten Abend nicht nur während seiner Lesung immer wieder für Heiterkeitsausbrüche bei den Zuhörern, von denen des Spanischen Unkundige deutlich im Nachteil waren.

 Eine Episode im Leben des Reisemalers erzählt von dem Augsburger Maler Johann Moritz Rugendas. Der Erfinder der Ölskizze soll 1837 mit seinen Illustrationen eine Forschungsreise an der Seite Alexander von Humboldt begleiten. Beim Ritt durch eine von Heuschrecken in tristes Ödland verwandelte Pampa gerät er in ein infernalisches Gewitter und wird von mehreren Blitzeinschlägen getroffen, die Ross und Reiter wie durch ein Wunder überleben. Rugendas malt fortan unter Einfluss von Morphium Bilder von rauschhafter Wucht.

 Mit seiner Lesung aus der deutschen Übersetzung ließ Nils Aulike die atmosphärischen Naturbeschreibungen Arias leuchten und die Spannung des gleichermaßen dramatischen wie absurden Unglücksfalls mit Händen greifbar werden. Der historische Roman, dessen Urheberschaft vornehmlich durch stilistische Eigenarten erkennbar würde, nähme eine Sonderstellung in seinem Ouevre ein, so Aria. „Doch ein Gesicht in der Masse der Romanfiguren ist immer das des Autors. Insofern bringt man auch immer Autobiografisches mit ein.“ Schade eigentlich, dass er das Buch, mit dem er den in Vergessenheit geratenen Rugendas in Erinnerung bringen wollte, selbst nicht besonders mag. „Schreiben ist ein improvisierender Prozess, in dem man etwas Neues schafft. Manchmal kommt etwas Schlechtes dabei heraus“, sagt er beinahe griesgrämig. Etwas gnädiger fällt sein Urteil über den Essayband Duchamp in Mexiko aus, dessen bizarre Titelgeschichte den zweiten Teil der Lesung bestimmte. Hier schildert Aira, wie er während einer Lesereise in Mexiko mehrfach denselben, dank des Wechselkurses spottbilligen Bildband seines Lieblingskünstlers Marcel Duchamp ersteht – einfach, weil die Exemplare von Mal zu Mal günstiger werden und er sich vorstellt, auf diese Weise reich zu werden. „Ich brauche diese paradoxen, manchmal absurden Ideen“, so der Autor. „Damit funktioniert meine Vorstellungskraft am besten.“

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