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Roman in einem Rausch

Der Autor Nis-Momme Stockmann zu Gast im Literaturhaus Roman in einem Rausch

Warum Thule?, will einer der Zuhörer wissen. Thule wie dieser mythische Ort am Nordrand der Welt. Das passt ganz gut auf das Dorf gleichen Namens, das sich Nis-Momme Stockmann für seinen Debütroman Der Fuchs (Rowohlt) ausgedacht und irgendwo in Nordfriesland hinterm Deich verortet hat – also da, wo sich die Welt an verhangenen Tagen durchaus aufzulösen scheint.

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Mit seinem sprachsatten Epos „Der Fuchs“ führt Nis-Momme Stockmann den Leser weit nach Norden

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Hinter Thule beginnt der Sage nach das Nichts, erklärt der Autor und Hebbel-Preisträger, der selbst auf Föhr geboren und aufgewachsen ist, bei der Lesung im Literaturhaus in Kiel: „Und mir scheint, von dessen Einbruch ist auch unsere Welt ständig bedroht.“ Das spiegelt sein sprachsattes 700-Seiten-Epos quer durch Zeiträume und Erzählebenen, Vergangenheit und Endzeitvisionen. Zusammengehalten von Finn, dem Ich-Erzähler, der nach einer Flutwelle mit ein paar Freunden auf einem Dachfirst strandet und im Endzeit-Delirium die Dorfkindheit rekonstruiert.

 Bedrohlich verdichtete Szenen entstehen da, wenn die Nachbarn Augenpfeile werfen auf Finns Familie mit der alleinerziehenden Mutter und dem behinderten Bruder. Oder wenn Katja auftaucht, die selbsternannte Zeitreisende und verlorene Kindheitsfreundin – die einzige, die die „Baschis“ in Schach zu halten vermag, Schreckbild der debilen Dorf-Brutalos und Inventar im kollektiven Kindheitskosmos.

 „Eigentlich ist dieser Finn ein wahnsinnig postmoderner Held“, sagt Stockmann, der zwischen Anleihen bei Film, Theater und klassischem Erzählen mit Verweisen von Hume bis Laurence von Arabien aus eben dieser Postmoderne schöpft. „Wir befinden uns mitten im Steinbruch seiner Psyche, und der Leser kann sich nur entscheiden, ob er Finn glauben will oder nicht. Dadurch ist ihm eine enorme Macht gegeben – und das fand ich eine berauschende Idee.“

 Die spielt der Autor zwischen Katastrophen- und Entwicklungsroman, Experiment und Konvention lustvoll aus, strudelnde Geschichten vom Ausfransen der Wirklichkeit – aufgelesen irgendwo zwischen Erinnerung, Wahrheit und Traum. Stockmann, der Koch gelernt und Tibetische Sprachen studiert hat, bevor er mit dem Stück Der Mann der die Welt aß 2009 zu einem der angesagten deutschsprachigen Dramatiker wurde, erzählt in einer Sprache, die gleichzeitig karg und großkotzig, gnadenlos und einfühlsam ist. Ein Sprachforscher, der die Worte wildwüchsig wuchern und hyperrealistisch zugespitzte Bilder austreiben lässt. Da hängen „tote Senioren und Tiere wie graues Obst in den umspülten Baumkronen“, schwimmen „Delfinschwärme aus Plastik“ an den Überlebenden vorüber.

 Dass sich der fantastische Sog seines Erzählens in der Lesung nur ansatzweise vermittelt, macht Stockmanns wachsende Plauderlaune wieder wett. Wie das Theater eher ein Zufall war, bevor es zum Gelderwerb wurde, erzählt der 35-Jährige. Von schal gewordenen Worten, deren Wurzeln neu zu entdecken seien. Und davon, dass auch die Katastrophe ihre Kehrseite hat. „Uns wird ja die permanente Krise suggeriert“, sagt er, verweist auf die Flüchtlingssituation und gibt gleich dem „ganzen tranigen Kulturpessimismus“ einen mit: „Wenn man etwa von Umbruch sprechen würde, könnte man darin auch die Möglichkeiten erkennen. Auch im Buch bedeutet die Flut ja nicht nur das Ende, sondern auch Neuanfang. Das finde ich inspirierend.“

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