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Es geht eben noch besser

SHMF Es geht eben noch besser

Konzentrierte Probenatmosphäre zwischen Lübeck und Hamburg. Nicolas Fink bereitet seinen Chor des Schleswig-Holstein Musik Festivals auf den großen Part im Kieler Abschlusskonzert am kommenden Sonntag in der Sparkassen-Arena vor.

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Besondere Probenatmosphäre: Nicolas Fink probte mit dem Chor des SHMF auch im Lübecker Dom.

Quelle: Foto: Olaf Malzahn

Hamburg. Es werde Licht. Nicht nur in der Schöpfungsgeschichte spielt das Anknipsen der Sonne eine wichtige Rolle, auch für das Blühen eines Chorklangs können Energie und gebündelte Wellenlänge von entscheidender Bedeutung sein.Die vier Stimmen des berühmten Oratoriums sitzen schon ziemlich gut – doch kommt es im relativ klaren Geflecht jetzt auf die Feinheiten an. Was der nicht nur ironiebegabte Dirigent noch als „Kraut und Rüben“ brandmarkt, würde mancher Kantorei schon Jubelstürme eintragen. Doch es geht eben noch besser. „Es ist in einem derart großen Chor sogar noch schwieriger als in einem kleinen Vokalensemble, eine vollständige Verschmelzung einer Stimmgruppe zu erreichen“, gibt Fink zu bedenken, „wenn nur einer oder zwei zu laut singen und dabei auch noch zu tief oder zu hoch sind, hört man das gnadenlos.“ Hellwach hören, mit Bedacht singen, ständig kontrollieren ist daher die Devise. „Alpha-Tiere“ kann der Chorleiter daher nur sehr bedingt gebrauchen im Kollektiv. Es gehe darum, gemeinsam eine feine Linie zu finden. „Bitte habt Geduld, es ist so wichtig“, betont Fink, wenn er sich wieder nicht zufrieden gibt. „Es nützt nichts, wenn von 40 Bässen 38 zu Recht denken: nicht schon wieder.“ Die zwei falschen müssen eingenordet werden. „So ist Chor!“

 Fink kämpft beispielsweise darum, dass in einer Linie des Soprans die höheren Töne nicht zwangsläufig lauter gesungen werden, da Haydn ein Crescendo nun mal nicht vorsieht. Er fordert, dass ihre Wechselnotentöne e und d in der Register-Bruch-Lage nicht immer knapper im Ganzton-Abstand werden. Und er korrigiert, wenn die Färbung der Vokale nicht eindeutig gelingt und dadurch die Intonation Dellen bekommt. „Es heißt ,des zwaaaiten Tags’ und nichts anderes. Und laaaaast euern Lobgesang erschallen.“

 In den überaus anspruchsvollen Fugen gilt es für die stimmpotenten Laien, die das Vorsingen im Frühjahr über- und bestanden haben, Lockerheit zu vermitteln, aber dabei nie den energisch an- und kontrolliert abschwellenden Zugriff vermissen zu lassen. „Macht’s doch mal mit Geschmack“, empfiehlt Fink und erntet natürlich prompt Heiterkeit. „Wir haben doch den großen Vorteil, dass wir in unserer Muttersprache singen dürfen“, sagt der Schweizer mit seinem charmanten Akzent. „Bitte weder ,dennnnn er Himmmmmel’ singen, noch ,deeeenn er Hiiiiiiiimmel und Erde bekleidet in herrlicher Pracht’ – irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit.“

 Und irgendwo ist auch für die Lautstärke in großer Besetzung die Grenze des Guten erreicht: „Wenn es genau ist, braucht es gar nicht laut zu sein. Tenori! Bitte fragt euch doch mal jeder für sich: Kann ich die Stelle? Und wenn nicht, sollte ich dann so brüllen?“

 Welches Potenzial tatsächlich im Chor steckt, zeigt sich, wenn eine „in herrlicher Pracht“-Koloratur selbst für Fink „wie aus der Kanone geschossen“ rasant abräumt. Da kann der gestrenge, bei seinem Rundfunkchor Berlin Bestes gewohnte Dirigent auch schon mal ein „Wow!“ rauslassen – und am Nachmittag etwas beruhigter die Leitung an einen der interessantesten Haydn-Interpreten überhaupt abgeben: Sir Roger Norrington.

www.shmf.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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