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Schlichte Strenge: Oleg Caetani probt Tschaikowskys "Pathétique"

Kieler Philharmoniker Schlichte Strenge: Oleg Caetani probt Tschaikowskys "Pathétique"

Die Kieler Philharmoniker profitieren vom weiten Horizont eines ganz besonders renommierten und vielseitig geprägten Gastdirigenten. Oleg Caetani, 1956 als Sohn der ukrainischen Pultlegende Igor Markevich in Lausanne geboren, probt zum 175. Geburtstag des Komponisten Peter Tschaikowskys Sechste Symphonie "Pathétique".

Kiel. Der philharmonische Pultgast Oleg Caetani, 1956 als Sohn der ukrainischen Pultlegende Igor Markevich und der aus einer römischen Papstfamilie stammenden Donna Topazia Caetani in Lausanne geboren, war Chefdirigent im australischen Melbourne und hat sämtliche Symphonien von Dmitri Schostakowitsch weltweit preisgekrönt mit dem Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi eingespielt. Er studierte bei Nadia Boulanger in französischer Tradition, in Rom beim italienischen Meistermacher Franco Ferrara und in Russland bei Kirill Kondrashin, startete als Assistent von Otmar Suitner an der Berliner Staatsoper Unter den Linden und war später selber Chef beispielsweise in Weimar oder Wiesbaden. 

In Kiel („die Stadt ist schön, da authentisch, obwohl sie im Krieg sehr zerstört worden ist – sie hat einen ganz eigenen Charakter“) möchte Caetani die letzte Symphonie von Peter Tschaikowsky aus russischer Perspektive und im Geiste der Pultikone Mravinsky streng und schlicht dirigieren: Es gelte, die ungewöhnlich präzisen Angaben des Komponisten in der Partitur genau umzusetzen. Viele Verzögerungen und Aufblähungen, die üblicherweise gemacht würden, stünden eben nicht da. „Es gibt ja auch Metronom-Angaben Tschaikowskys. Den langsamen Schlusssatz wünschte er sich tatsächlich schneller als er meist aufgeführt wird.“

Caetani begeistert die „Präzision und Ökonomie“ die der Komponist erreicht, „unglaubliche Explosionen sind dabei möglich, obwohl die Orchestergröße begrenzt ist. Aber die Instrumente werden eben jeweils in der richtigen Lage eingesetzt und kombiniert.“ Ein sinfonisches Requiem sieht Caetani in der Pathétique nicht. Wohl aber das „persönlichste Werk“ des vor 175 Jahren geborenen und wenige Tage nach der Uraufführung gestorbenen Meisters. „Es zeichnet tatsächlich eine Tragödie, aber ohne jedes Selbstmitleid – anders als bei Mahler.“ Im dritten Satz sei die unaufhaltsame Unerbittlichkeit dieses Schicksals eines einsamen Menschenfeindes zu hören. „Glückliche Momente gibt es nur in der Natur mit flimmernden Lichteffekte im Birkenhain von Klin bei Moskau oder im Tanz“, so Caetani. Im zweiten Satz erlebe man deshalb einen „organisch hinkenden Walzer“, eine Mazurka im Fünfvierteltakt. „Ansonsten erweist sich Tschaikowsky wie in der Oper die Jungfrau von Orleans als Magier der Lebenskampfbeschreibung. Und erst, wenn Choral-Anklänge zur Ruhe im Dank die Heiligen geleiten, spürt man partiell einen Frieden mit sich selbst.“

Scharfer Schliff sei auch bei Bartóks Zweitem Violinkonzert die richtige Strategie: „Mein Lieblingswerk des späten Bartók“, schwärmt Caetani und weist jede Kritik an allzu altersmilde Rückschrittigkeit mit Blick auf Zwölftonreihen darin zurück. Bevor der Dirigent in die Probe enteilt, ist ihm noch der französische Frühromantiker Luigi Cherubini wichtig, der erste Programmpunkt, eine Rarität: „Alle sprechen mit Riesenrespekt von ihm. Schon Brahms verbeugte sich vor seinem Können. Aber kaum einer – mit positiver Ausnahme von Riccardo Muti – spielt ihn ... Das will ich ändern.“

Konzerte Sonntag, 10. Mai 2015, 11 Uhr und Montag, 11. Mai 2015, 20 Uhr im Kieler Schloss. Karten: 0431 / 901 901 www.theater-kiel.de

Kiel Eggerstedtstraße 54.322906 10.140953
Kiel Eggerstedtstraße
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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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