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Sehnsucht nach Meer

Gorch Fock-Biografie Sehnsucht nach Meer

Sein Hochseefischerroman "Seefahrt ist not!" (1912) war ein Bestseller schon zu Lebzeiten. Und der Tod in der Seeschlacht im Skagerrak am 31. Mai 1916 hat Gorch Fock zum Mythos gemacht. Rüdiger Schütt, Literaturwissenschaftler und wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Kiel, hat dem Hamburger Schriftsteller im Gedenkjahr eine lesenswerte Biografie gewidmet.

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Ein Besucher im Marine-Ehrenmal in Laboe an Gedenktafeln für die in der Schlacht im Skagerrak gefallen Soldaten Jack Cornwell aus England und den Deutschen Johann Kinau (Gorch Fock).

Quelle: dpa

Kiel. Seine Welt ist bevölkert von furchtlosen Fischersleuten, von Seemännern und bodenständigen Finkenwerder Dörflern. Ihre Welt beschrieb Gorch Fock, der 1880 als Johann Kinau auf der Elbinsel im Süden Hamburgs geboren wurde, in seinen Geschichten so plastisch und volksnah idealisiert, dass er damit im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts in Deutschlands zum Literaturstar wurde. Und so inbrünstig in der Heldenzeichnung und seinem Furor, dass sich die Nazis seiner Stücke, Erzählungen, Kriegsgedichte nur zu gern bedienten. Sein Hochseefischerroman Seefahrt ist not! (1912), ein Bestseller schon zu Lebzeiten, stand ganz oben auf dem Bildungskanon. Und der Tod in der Seeschlacht im Skagerrak am 31. Mai 1916 hatte Gorch Fock ohnehin längst zum Mythos gemacht.

 So pendelt das Bild des Hamburger Schriftstellers seit der Nachkriegszeit zwischen Unterhaltungsautor und völkischem Propagandisten. Wenn man es nicht ohnehin vor allem als Schiffsnamen wahrnimmt. Eine Einschätzung, die Rüdiger Schütt, Literaturwissenschaftler und wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Kiel, in seiner Biografie aufzubrechen versucht.

 Johann Kinau wächst auf in Finkenwerder, einer Wildnis zwischen Land und Meer, bevor Hamburg mit dem massiven Ausbau des Hafens beginnt. Auch Kinaus Vater hat hier als Fischer seinen Ewer liegen und für den Sohn ist klar, dass er irgendwann in dessen Fußstapfen treten wird. Ein Traum, den der Hang zur Seekrankheit beendet. Stattdessen macht er eine Bürolehre, entdeckt auf Stationen in Meiningen und Halle seinen Bildungshunger und seine Theaterleidenschaft. Und kompensiert die Sehnsucht nach Meer im Schreiben.

 Erstmal für die Schublade, dann ab 1905 für diverse Hamburger Zeitungen. Da steckt er schon mittendrin in der niederdeutschen Bewegung, gründet 1906 die Theatergruppe Finkwarder Speeldeel und lässt sich mitreißen von der antimodernistischen Bewegung, der Begeisterung fürs Nationale, die auch das Niederdeutsche vereinnahmt. „Platt“ wird zur Mission des Autors, der im Verein „Quickborn“ mitmischt und für Richard Ohnsorgs Ensemble die niederdeutschen Theaterklassiker Doggerbank und Cili Cohrs schreibt.

 Akribisch dröselt Rüdiger Schütt anhand seiner Texte die Biografie des Schriftstellers auf und kommt dabei einer widersprüchlichen Persönlichkeit auf die Spur und einem Doppelleben, das sich auf den kleinbürgerlich angepassten Johann Kinau und den hochfliegenden Autor hinter dem Pseudonym Gorch Fock verteilt. Der eine ist Buchhalter bei Hapag und lebt mit Frau und Kindern in Hammerbrook, der andere schreibt nachts seine Geschichten und glühende Briefe an seine Muse und spätere Biografin, die Schauspielerin Aline Bußbach.

 Mindestens so aufschlussreich wie Leben und Schreiben des Autors ist aber die fatale Rezeptionsgeschichte, die Schütt parallel aufrollt. Zur Marke wurde der Hamburger Schriftsteller schon zu Lebzeiten, daran hat er bewusst gearbeitet. Zum Mythos machte ihn die Nachwelt – sein jüdischer Verleger Leon Goldschmidt ebenso wie die ebenfalls in der Literarischen Gesellschaft zu Hamburg vertretenen völkisch-konservativen Mitstreiter. Von der zum Event stilisierten Trauerfeier mit Hamburgs Bürgermeister über die nach Gorch Fock und seinen Romanen benannten Schiffe bis zur Vereinnahmung und Instrumentalisierung durch die Nazis, die die Brüder des toten Autors Rudolf und Jakob eifrig beförderten, war es da nur noch ein kleiner Schritt.

 Dabei lässt sich der so nachhaltig völkisch Bewegte auch mal anders lesen. In den dürren Kriegsberichten entdeckt Schütt eine Ermüdung und Desillusionierung, die ihn nach der Möglichkeit einer gedanklichen Wende fragen lässt. Und immerhin borgte sich Axel Springer (auch nicht gerade ein Freigeist) als Wahlspruch für sein Hamburger Abendblatt von Gorch Fock eine Sequenz, die die beschränkte Sicht aufbricht: „Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen“.

Rüdiger Schütt: „Seefahrt ist not!“ Gorch Fock – die Biografie. Lambert Schneider Verlag, 224 Seiten, 24,95 Euro

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