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Weltraum vom Webstuhl

Der Kieler Bildweber Peter Horn im Hablik-Museum Weltraum vom Webstuhl

Peter Horns Uhren ticken anders. Wer wie der Kieler Bildweber ein Jahr oder länger für einen seiner ausgeklügelten Tapisserien braucht, der muss Eigenschaften mitbringen, für die Begriffe wie Langmut und Geduld nur grobe Näherungen sind. Das Hablik-Museum Itzehoe würdigt den Künstler.

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Quelle: Foto: Manuel Weber

Itzehoe. Im Vorgriff auf den 80. Geburtstag des Textilkünstlers am 1. Juni zeigt das Itzehoer Wenzel-Hablik-Museum jetzt eine eindrucksvolle Ausstellung, die Horns ungemein zeitgemäße Kunst der traditionellen Bildweberei von Elisabeth Lindemann (1879-1960) gegenüberstellt. Lindemann, Ehefrau Wenzel Habliks und im Norden hochangesehene Weberin, hatte während ihrer Ausbildungsstationen in Dresden und Stockholm auch die neuen Wandteppiche aus Scherrebek kennengelernt. Die dortige Schule für Kunstweberei war angetreten, die Handweberei in Norddeutschland wiederzubeleben.

 Als einer der wenigen Bildweber im Norden sind auch für Peter Horn die Werkstätten von Scherrebek (dem heutigen dänischen Skærbæk) und die renommierte Meldorfer Bildweberei wichtige Bezugspunkte. Abgeschaut hat er sich das Weben von seiner Mutter. Die Familie war kriegsbedingt von Kiel nach Flensburg gezogen und der 15-jährige Peter sah ihr nicht nur bei der Arbeit am Flachwebstuhl über die Schulter, sondern half ihr, längere Ketten vorzubereiten. „Gelernt habe ich von ihr auch, Mustereinzüge für die Herstellung teils komplizierter Stoffmuster herzustellen“, sagt Peter Horn. Aber was ihn noch mehr faszinierte, war das Bildweben. „Ich habe gespürt, dass genau das meine Kunst ist.“

 Eine Kunst, die Horn in langen Jahren perfektionierten sollte. Der Beruf als Kunsterzieher und die Lehrtätigkeit an der PH in Kiel boten den nötigen langen Atem und garantierten nach der Pensionierung Freiraum für kompromisslose künstlerische Arbeit, die in der Itzehoer Ausstellung exemplarisch anschaulich wird. Eine Arbeit, der Stillstand oder ein Ausruhen auf einmal gefundenen Bildthemen fremd ist. In den Achtziger- und Neunzigerjahren sind es Décollagen und Collagen, die Horns Tapisserie-Ehrgeiz wecken. Wie raffiniert der Künstler in einer großformatigen Tapisserie mit dem Titel Datumsgrenze mehrere Bildebenen einander überlagern lässt, hier das Motiv einer Kinderfotografie in Schwarz-Weiß einwebt und im oberen Teil Wolken hervorlugen lässt, als seien sie hinter dem abgerissenen Papier verborgen, der ahnt, dass dieser Künstler Herausforderungen geradezu sucht. Nein, sagt Horn in seiner unaufgeregten Art, nach dem Schwierigkeitsgrad habe er tatsächlich nie gefragt. „Irgendwann hatte ich die Technik so drauf, dass ich alles machen konnte.“

 Eben auch seine eigene Mondlandung, den Flug zum Jupiter oder den Abstecher zum Orion-Nebel. Seine Faszination für die Astronomie lebte der Bildweber am Hochwebstuhl aus. Das klingt unvereinbar, denn nicht selten sind es Momentaufnahmen von Weltraumsonden der Nasa, die Vorlagen für die gewebten Weltraumbilder liefern. Katrin Maibaum, Leiterin des Hablik-Museums, ist fasziniert von diesem Kontrast eines Sekundenbildes und dem langwierigen Prozess der Bildweberei. Für Horn ist dieser Antagonismus von Raum, Zeit und Technologie eine „reizvolle und wunderbare Gedankencollage, aus der eine neue Wirklichkeit, eine neue Welt entsteht“.

 Zu erfahren, wie der Bildweber die diffusen Lichtnebel, die weichen Schatten und ungemein plastisch wirkenden Reliefwirkungen technisch realisiert, die nur mit seinen zwei parallel laufenden Fadensystemen möglich sind, bei dem ein dicker den Grundton angibt und vier dünne das lebendig changierende Farbspiel ergeben, erhöht nur den Respekt vor dieser Kunst. Noch dazu, weil sie sich dem Weber bei der Arbeit spiegelverkehrt darstellt. Es war an der Zeit, diese Arbeiten zu zeigen und ihnen hier im Hablik-Museum die Tradition an die Seite zu stellen – gab doch Elisabeth Lindemann der Weberei damals neue Impulse.

Künstlerführung mit Peter Horn am Donnerstag, 19. Mai, 18 Uhr. www.wenzel-hablik.de

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