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Alltag, auf Krawall gebürstet

Der Komiker Fil in Kiel Alltag, auf Krawall gebürstet

„Visuell wird sich nicht mehr viel ändern“, befand Fil zu Beginn der vom Luna Club organisierten Veranstaltung im Studio-Kino und wies beinahe entschuldigend auf die wenigen Requisiten hin, die er für sein Programm Die Verschiedenheit der Dinge benötigte: Eine Perücke, eine Schürze, eine mit Spickzetteln beklebte Gitarre.

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Tiefes Unbehagen gegenüber manch Zeitgeistigem: Fil ist Philip Tägert (Jahrgang 1966).

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Von Kai-U. Jürgens

Tatsächlich wurden die sich gern albern gebenden, tatsächlich aber treffsicheren Attacken des Komikers höchst wirkungsvoll durch die äußere Reduktion unterstützt. Auf den Tisch kam alles, was dem Zeitgeist lieb & teuer ist – vor allem die Forderung nach political correctness.

 Das Programm setzte mit einer Bestandsaufnahme Berliner Verhältnisse ein, wobei Jugendwahn („Tot ist das neue Alt“) und Modetorheiten genüsslich auseinandergenommen wurden. Fil mokierte sich beispielsweise über die Unsitte vieler Männer, eine Art „Mikrodutt“ auf dem Kopf zu tragen, was ihnen im verschlafenen Zustand auch nicht viel helfen würde – manchem „Sleepy Duttboy“ wird morgens selbst die Karamellsoße auf dem Latte Macchiato zur Beschwernis: „Mach da mal nicht so viel ran, sonst krieg ich das Glas nicht mehr hoch.“ Auch die verstärkte Aufmerksamkeit für Minderheiten wird karikiert, indem Fil kontrastiv eine Randständigkeit des Heterodaseins entwirft: „Sie ist schön, ich bin stark, das bringt uns nicht durch den Tag.“

 Und überhaupt: Die Jugend. Gern würde man sich ihr zurechnen, wenn dem nicht ernsthafte Hindernisse entgegenstünden, wie exzessiver Smartphonegebrauch oder der Testosteronkult der Hip-Hop-Szene. Was sich hier artikuliert, ist ein tiefes Unbehagen gegenüber einem Zeitgeist, der alles als reaktionär verwirft, was sich nicht maximal tolerant und aufgeschlossen gibt. Fil überdreht bestimmte Gewohnheiten, was auf den ersten Blick bloß witzig wirkt, jedoch einen überraschend festen Kern an Gegenwartskritik transportiert. Man merkt: Hier ist es jemandem viel ernster, als es auf den ersten Blick scheint.

 Doch ein Skeptiker wie Fil kann natürlich auch das eigene Ansinnen nur bedingt ernst nehmen. Dies zeigt sich besonders in den Dialogen mit der Handpuppe Sharkey, einem reizbaren Hai, der auf Einwürfe gern ungehalten reagiert. Fil ist kein Bauchredner und spricht Sharkey hinter vorgehaltener Hand, schafft es aber gerade wegen der vorgeblichen Unzulänglichkeit, seiner Figur Präsenz zu verleihen. Ohnehin spielen Improvisationen – ob einstudiert oder echt – in seiner Show eine große Rolle, weswegen es auch niemanden wunderte, dass Fils soeben erschienenes Buch Mitarbeiter des Monats (Rowohlt) nicht mal am Rande erwähnt wurde. Vielleicht ja beim nächsten Besuch – immer vorausgesetzt, dass Sharkey ihn lässt.

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