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Der Krieg saß immer mit am Tisch

Der Krieg saß immer mit am Tisch

Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges sind der Stoff ungezählter Romane. Ralf Rothmanns Im Frühling sterben ist auch so ein Roman. Er erzählt von zwei 17-jährigen Freunden, die im Frühjahr 1945 in einem Dorf im Holsteinischen von der SS zwangsrekrutiert werden.

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Mit dem Roman verschwand der jahrelange Albtraum: Ralf Rothmann.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Wenig später wird der eine gezwungen, den anderen, der von der Front desertiert war, zu erschießen. Am Montag stellte Rothmann, zuletzt 2009 mit seinem Berlin-Roman Feuer brennt nicht in Kiel zu Gast, das Buch im Literaturhaus vor.

Warum schreibt man 70 Jahre nach Kriegsende noch einen Roman über den Krieg? Auf die Frage hat der mehrfach ausgezeichnete Autor, der in Schleswig geboren wurde und im Ruhrgebiet aufwuchs, eine so einfache wie schlüssige Antwort: „Es ist eigentlich ein Buch über meinen Vater.“ Seelisch und körperlich verwundet sei der aus dem Krieg zurückgekommen und habe danach 30 Jahre als Bergmann unter Tage „ein klagloses, fast stummes Leben“ geführt. „Ich wollte ihm in seinem stillen Heroismus ein Denkmal setzen.“ Doch der, von dem erzählt werden sollte, hat zeitlebens geschwiegen. So gut wie nichts habe der Vater von seinen traumatischen Erlebnissen preisgegeben. Allein die SS-Tätowierung auf seinem Unterarm, für die Kinder gut sichtbar beim sonntäglichen Frühstück, zu dem der Vater traditionell im Feinrippunterhemd erschien, sorgte dafür, dass der Krieg immer mit am Tisch saß. „Als Kind habe ich ihn einmal gefragt, ob er denn auch geschossen hätte und was danach passiert sei. Mein Vater ist daraufhin bis an die Herzspitze verstummt. Dieser Moment hat ein Vakuum in mir hinterlassen.“

Der Roman ist der Versuch, dieses Vakuum zu füllen. Seinem Protagonisten hat Rothmann neben dem Namen des Vaters auch weitgehend dessen Biografie mitgegeben. Die Geschichte von der Erschießung des Freundes hat ein anderer erlebt. „Als ich vor 15 Jahren einmal genug hatte von meiner Wahl-Heimat Berlin, zog ich nach Glücksburg, wo mein Vermieter mir nach kurzem Kennenlernen bereitwillig von dem Erlebnis berichtete. Das Vakuum und diese Erzählung waren die Kernpunkte, an denen der Roman gewachsen ist.“ Selbst habe er sich dem Vater, der nach Frühpensionierung und Alkoholsucht mit 60 starb, so nah gefühlt, dass er jahrelang den Albtraum hatte, erschossen zu werden. „Seit der Fertigstellung des Romans ist dieser Traum verschwunden.“

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