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Trip durch die Ideengeschichte

Arte-Dokumentation "Der Luther-Code" beleuchtet 500 Jahre Reformation Trip durch die Ideengeschichte

500 Jahre Reformation: Wilfried Hauke hat dazu die sechsteilige Fernseh-Doku „Der Luther-Code“ gedreht

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Auch den Wahn Luthers macht der Film in Gestalt des Schauspielers Daniel Arthur Fischer sichtbar. Dieser schlüpft außerdem in die Rollen von Engels und Lessing.

Quelle: DM Film / Arte

Kiel.. Er hat Abraham Lincoln und Edvard Munch in halbdokumentarischen Filmporträts nachgespürt, ebenso wie Hans-Christian Andersen und zuletzt Otto von Bismarck. Luther aber wollte Wilfried Hauke zum Jubiläumsjahr der Reformation anders erzählen. Nicht als Porträt einer Ikone gewordenen Persönlichkeit und auch nicht nur als umwälzenden Teil der Religionsgeschichte. Stattdessen schlägt der in Kiel lebende Filmemacher und Journalist den ganz großen Bogen und nimmt die Geschichte des Religionserneuerers, der mit seinen 95 Thesen 1517 unversehens zum Revolutionär wurde, zum Ausgangspunkt für eine Geistesgeschichte der letzten 500 Jahre. Am Wochenende hat seine sechsteilige Doku Der Luther-Code auf Arte Premiere.

 „Die Moderne ist entstanden, weil der Mensch sich gefragt hat: Wer bin ich eigentlich? Und an was soll ich glauben?“, sagt der Skandinavist und Literaturwissenschaftler Hauke, den einst einige Zeit lang der Gedanke umtrieb, selbst Theologe zu werden. Von solchen Fragen ausgehend hat der Filmautor die Geschichte durchforstet und – in Gesprächen mit dem ebenfalls in Kiel lebenden Historiker Hartmut Lehmann – Analogien entdeckt. „Jedes Jahrhundert hat mit einer Katastrophe begonnen“, sagt Hauke und rauscht mal eben von der Reformation über den Vorabend des 30-jährigen Krieges (1617), die große Flut in Hamburg (1717) und die Neusortierung Europas nach den Napoleonischen Kriegen (1817) bis zum Ersten Weltkrieg.

 „Heute, im 21. Jahrhundert“, sagt er, „befinden wir uns wieder an einer Zeitenwende.“ Digitale Revolution und Globalisierung kratzen an bislang gültigen Gewissheiten, „und sie bedrohen das autonome Ich, das sich sein Gewissen als Instanz bewahrt. Die Frage ist jetzt , wie wir künftig unsere Freiheit nutzen“. Die Weltveränderer von heute sind Leute wie die Genfer Pastorin Carolina Costa, die ihr komisches Talent einsetzt, um die Leute für die Religion zu begeistern. Oder der Ingenieur Sebastian Bartsch, der in Bremen an einem intelligenten Roboter tüftelt.

 „Das sind Beispiele für die jungen Typen aus der Generation Y, die die Welt neu denken“, sagt Hauke. Eigentlich hatte er sich auf etablierte Denkergrößen kapriziert, „aber dann sind die jungen Digital Natives in den Blick gerückt“, sagt er. „Denn die kommen auf dieselben humanistischen Werte zurück, wie sie Luther und die Reformation begründet haben.“ Eine Art Codierung des Denkens, das seither die westliche Welt bestimmt, hat Hauke dabei entdeckt. Und plötzlich erscheint die Online-Enzyklopädie Wikipedia gar nicht so weit entfernt von der ersten Zeitung der Weltgeschichte, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts ihrerseits Fragen nach Copyright und Wissen für alle aufwarf.

 Anhand ihrer Entdecker und Neuerungen streift Hauke mit Co-Regisseurin Alexandra Hardorf durch die abendländische Geistesgeschichte, erzählt, wie Johannes Gutenbergs Buchdruck und Leonardo da Vincis Visionen in der Renaissance neue Horizonte eröffnen. Nimmt Kepler, Leibniz, Lessing und Friedrich Engels ins Visier. Oder zieht Fäden von Albert Einstein zu dem iranisch-deutschen Rapper Fayzen. Oder vom Agenturgründer Julius Reuter zu David Diallo, der in Berlin das online-Magazin „Enorm“ betreibt, das die Grenzen des Wachstums propagiert. Denn die Geschichte macht sich für Hauke immer an Personen fest.

 Die Querdenker Luciano Floridi und Hartmut Lehmann finden Bezüge zwischen Reformation und Moderne. Und Martin Luther ist anwesend als durch die Jahrhunderte allgegenwärtiger Schatten und Mythos. „Luther ist doch von Anfang an ein erfundener Luther gewesen. Mythisiert und zur Ikone aufgebaut wie heutzutage Steve Jobs“, sagt Hauke und erinnert daran, wie wenig aus dem Leben des Reformators überhaupt gesichert ist. „Es gibt kein einziges Porträt, das verlässlich ist. Das bekannte Bild von Lucas Cranach ist eine typisierte, gegen den Papst gerichtete Version. Und jede Zeit hat diesen Luther für sich genutzt und in ihrem Sinne rezipiert.“ So konnte sein Antisemitismus von den Nationalsozialisten instrumentalisiert werden, während Dietrich Bonhoeffer auf der anderen Seite den Widerstandskämpfer Luther entdeckte.

 „Ich versuche jeweils die Physiognomie eines Jahrhunderts darzustellen“, sagt Hauke. So schweift der Blick zu Beginn über die Stadt dänische Stadt Aarhus: Kirchtürme, Werftkräne, Konzerthalle, Straßen und ein Stück weiter die Ostsee. Von Olafur Eliassons, das Farbspektrum einmal durchdeklinierender Rotunde oben auf dem Dach des Aros Museums erscheint der Blick auf die Welt umfassend. Findet Wilfried Hauke, der den Kameramann für die Sequenz in einem Rollstuhl herumfahren ließ: „Sie spiegelt sich im Blick zurück auf den Betrachter. Das erschien mir ein gutes Bild für die Wechselwirkung von Reformation und Moderne.“

 Die Interviews hat er mit Spielszenen und Dokumentaraufnahmen montiert – und aus den Splittern entsteht eine großräumige Ideen-Collage. Anregung zum Weiterdenken.

 Public Viewing auf Gut Wittmoldt, Sonnabend, 29. Oktober, 19 Uhr (Teil 1 bis 3). Mit Landesbischof Gerhard Ulrich und dem Luther-Darsteller Daniel Arthur Fischer. Info und Anmeldung: 04522/1263; www.gut-wittmoldt.de

 Im Fernsehen auf Arte: 29. Oktober, 20.15 Uhr (1 bis 3) und 30. Oktober, 22.15 Uhr (4 bis 6).

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