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Mit weitem Atem bezwungen

Madrigalchor Kiel Mit weitem Atem bezwungen

Als „unsingbar“ bezeichnet Susanne Popps aktuelle Biografie über den spätromantischen Komponisten Max Reger Teile von dessen Motette "Mein Odem ist schwach". Der Madrigalchor Kiel dürfte selbst im Reger-Gedenkjahr 2016 zu den ganz wenigen Vokalensembles gehören, die sich die ins Grab absinkende Todesklage mit aufstrebender Auferstehungshymne und eingebettetem, unsagbar schönem Selbstvergewisserungschoral „antut“.

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„Komm, Jesu, komm“: Friederike Woebcken animiert ihre Sänger zu erstaunlichen Höchstleistungen.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Die Botschaft Hiobs wird im ersten Teil des reifen Opus 110 in der Tat in ein derart kühnes und kompliziertes Ineinandergleiten von chromatischen Skalen, Tritonus-Verspannungen und Fugen-Verquickungen getaucht, dass Sängern und Konzertbesuchern Hören und Sehen vergehen. Vom balsamisch strömenden Pianissimo-Espressivo der Bässe an wird klar, dass die Chorleiterin Friederike Woebcken mit ihren Stimmgruppen die Hürde nimmt: Da sitzen die heikel aneinander reibenden Töne, überzeugen die dynamischen Abstufungen, reichen Euphorie und Kraftreserven bis zum „tutta la forza“-Finale mit erlösender Gewissheit. Eine wahrhaft bravouröse (Proben-)Leistung, die in ihren a-cappella-Qualitäten in der gut besuchten Nikolaikirche Kiel am Sonntagabend manches übertrifft, was diesbezüglich auf Tonträgern zu hören ist. Sollte der Madrigalchor das Schwergewicht im Repertoire behalten, darf allenfalls noch mehr Mut zu expressionistischer Hässlichkeit beim „Gespött“ und zu einer noch konsequenteren Abstufung zwischen Themenköpfen und begleitendem Kontrapunkt in den (eigentlich ja „unsingbaren“ ...) Fugen hinzukommen.

 Doch solch unerhörte Forderungen wagt man überhaupt nur zu stellen, weil hier ja alles möglich scheint: Das beweist vor allem die hinreißend schön gesungene, erst 2005 entstandene Doppelchor-Motette Komm, Jesu, komm des schwedischen, aber in den USA lehrenden Komponisten Sven-David Sandström. Wie Woebcken da die melancholischen Klangwolken hintupfen ließ und einmal mehr den „wahren Weg“ bezaubernder nordischer Chormusik beschritt, war überragend.

 Und es sagt sich gar nicht leicht: Reger und Sandström übertreffen im Kieler Konzert tatsächlich ihren gemeinsamen Bezugspunkt Johann Sebastian Bach. Dessen doppelchörige Motetten Komm, Jesu, komm und Der Geist hilft unser Schwachheit auf zelebriert der Madrigalchor wortbedächtig als Rahmen. Er erreicht dabei im Chor Eins eine nahezu perfekte Homogenität und lässt sich – historisch völlig richtig – von einer kundigen Continuo-Gruppe (mit Daniel Zimmermann, Orgelpositiv, Detlef Homann, Barockcello, und Thomas Brands an der Violone) stützen. Als kleiner Kontrast zwischen all den gewichtig sakralen Beerdigungsgesängen erfreuen Regers anmutig hingezirkelten Volkslied-Sätze. Unsingbar sind die nicht – aber so genau austariert auch nicht alle Tage zu hören.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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