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Schlicht wahrhaftig

Multi-Künstler Armin Mueller-Stahl wird 85 Schlicht wahrhaftig

Sierksdorf. Armin Mueller-Stahl, Schauspieler, Maler, Musiker und Ehrenbürger Schleswig-Holsteins, wird am heutigen Donnerstag 85 Jahre alt. In der Landesvertretung in Berlin wird sein Geburtstag mit prominenten Gästen gefeiert.

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Spieler, Maler, Musiker: Armin Mueller-Stahl ist ein Wanderer zwischen allen Sparten.

Quelle: Marco Ehrhardt

Sierksdorf. Der blitzblaue Blick unter der Pelzmütze hervor in die dampfende New Yorker Nacht, das unbeholfene „Hello, how are you?“ mit dem gnadenlos deutschen Akzent, das wie die Sprache eigensinnig holpernde Taxi – Helmut Grokenberger vergisst man nicht, diesen in New York verlorenen Dresdner, den Armin Mueller-Stahl 1992 in Jim Jarmuschs Episodenfilm Night on Earth spielte.

Sicher nicht die größte Rolle des Schauspielstars, der heute seinen 85. Geburtstag feiert, aber eine nachhaltige, auf verquere Weise typische. Helden hat er nie spielen wollen, Mueller-Stahl mag die Verlierer, die brüchigen Charaktere, die tragischen Clowns und zerrissenen Einzelgänger, solche wie den Grafen Kaltenbach in Schlöndorffs Der Unhold oder den Kinoerzähler. „Solche Figuren sind auch mit 80 noch interessant“, hat er vor Jahren mal im Interview in Hamburg gesagt, „die tragikomischen, wie sie Charlie Chaplin oder Woody Allen erfunden haben.“

 Als er mit Jarmusch drehte, war der 61-Jährige, dessen Filmkarriere nach dem Geigenstudium und ein paar Jahren am Berliner Ensemble und an der Volksbühne in den 1960ern in der DDR begonnen hatte, gerade in Hollywood angekommen. Er hatte in Costa-Gavras Music Box (1989) einen ungarischen Emigranten gespielt, der spät als Nazi-Verbrecher entlarvt wird, und in Barry Levinsons Familienchronik Avalon (1990) einen polnisch-jüdischen Einwanderer, der 1914 in das gelobte Land Amerika kommt. Letztere brachte Mueller-Stahl vor Shine (1997) die erste Oscar-Nominierung ein. Beiden Figuren, die er in dem Buch Drehtage wie Faust und Mephisto als zwei Seiten einer Medaille beschreibt, verleiht er schlichte Wahrhaftigkeit. Das Charakteristische entsteht bei Mueller-Stahl im Beiläufigen, die Kunst aus der Einfachheit der Mittel und ihrer Verdichtung.

 Nach der Übersiedlung in den Westen 1980 hat Mueller-Stahl mit Rainer Werner Fassbinder gedreht, Lola und Die Sehnsucht der Veronika Voss. Mit Istvan Szabo (Oberst Redl, 1982), Andrzej Wajda (Eine Liebe in Deutschland,1983), Alexander Kluge (Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit, 1985) und Hans-Christoph Blumenberg (Tausend Augen, 1984).

 Dann wurde der Mann mit dem blitzenden Blick und der angerauten Stimme einer der wenigen deutschen Weltstars. Dabei hat er sich diesem Etikett stets verweigert: „Stars sind Leute, derentwegen man ins Kino geht, Arnold Schwarzenegger zum Beispiel. Aber an mir hängt sich kein Film auf.“ Er hat lieber mit unabhängigen Regie-Größen gearbeitet. Und sieht sich mit gelassenem Understatement eher als Teil des Ganzen, taucht ein in seine Figuren, egal, ob das der pedantische Moralist in Fassbinders Lola (1981) ist, der verstörend unergründliche Ermittlungsbeamte in Steven Soderberghs Kafka (1991) oder der brutal gewissenlose Pate der Russenmafia in David Cronenbergs Eastern Promises (2008).

 Den undurchsichtigen Patriarchenfiguren ist er treu geblieben. Bis zu Illuminati, wo er den Kardinal Strauß 2009 als strammen Traditionalisten verkörperte. Thomas Mann im Fernsehfilm Die Manns und Johann, der Patriarch der Buddenbrooks, lagen auch räumlich nahe. Schließlich lebt Mueller-Stahl nach der Übersiedlung in den Westen 1980 in Sierksdorf, pendelt lässig zwischen dem Haus im kalifornischen Pacific Palisades und Lübecker Bucht. 2010 wurde der 1930 im ostpreußischen Tilsit Geborene schleswig-holsteinischer Ehrenbürger. „Ich bin wie ein in die Heimat Vertriebener“, beschreibt er das und hat in seiner Ahnengalerie außerdem im 16. Jahrhundert einen Kaufmann in Lübeck entdeckt.

 Vor sieben Jahren hat er verkündet, „die Filmerei langsam auslaufen lassen zu wollen“. Vermutlich nur, weil er etliche künstlerische Beschäftigungsfelder bleiben. Der Schauspieler ist als anerkannter Autor (Drehtage, Hannah) ebenso präsent wie als Maler und Zeichner, zuletzt bei der Ausstellungseröffnung in Eutin. Er tourt gerade als Musiker mit seiner CD Es gibt Tage. Und das Kino lässt ihn dann doch nicht los: In Terrence Malicks Bilderrausch Knight of Cups spielt er neben Cate Blanchett, Natalie Portman und Christian Bale einen Priester. Wie das geht? „Es kommt alles aus einer Quelle“, hat er einmal im Interview gesagt. „Die Energien sind die gleichen beim Spielen, Malen, Zeichnen (...) Da ist kein großer Unterschied.“

 Ausstellung „Die Jahre kommen und gehen...“. Malerei von Armin Mueller-Stahl. Bis 31. Januar im Ostholstein-Museum, Eutin, Schlossplatz 1

 

  Feier für den fünften Ehrenbürger

 Seit 1998 ernennt der Ministerpräsident Persönlichkeiten mit herausragenden Verdiensten um das Land zu Ehrenbürgern Schleswig-Holsteins. Altbundeskanzler Helmut Schmidt erhielt die erste Auszeichnung am 20. Dezember 1998. Ihm folgten Uwe Ronneburger, Gerhard Stoltenberg, Siegfried Lenz und im Jahr 2010 Armin Mueller-Stahl. 2014 wurde Heide Simonis zur ersten Ehrenbürgerin des Landes ernannt. Ministerpräsident Torsten Albig hat am heutigen Donnerstag zur Geburtstagsfeier für Armin Mueller-Stahl in die Landesvertretung nach Berlin eingeladen. Erwartet werden 300 Gäste, darunter die Schauspielerin Iris Berben, Berlinale-Direktor Dieter Kosslick sowie Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

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Armin Mueller-Stahl
Foto: Großer Bahnhof für das Multitalent Armin Mueller-Stahl (Mitte, mit seiner Violine) in der Landesvertretung von Schleswig-Holstein in Berlin: Auch Ministerpräsident Torsten Albig (rechts daneben) gehörte zu den Gratulanten.

Mit vielen Freunden, Mitstreitern, Prominenz aus Kultur und Politik hat Armin Mueller-Stahl am Donnerstagabend in der Landesvertretung von Schleswig-Holstein seinen 85. Geburtstag gefeiert. Neben Ministerpräsident Torsten Albig gratulierten weitere Bekannte.

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