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Jenseits aller Eitelkeit

Flensburg Jenseits aller Eitelkeit

Sie schauen aufmerksam, freundlich oder gelangweilt in die Kamera, einige blecken wehrhaft die Zähne, anderen scheint der Schalk im Nacken zu sitzen. Ob Hund, Katze oder Maus, Elefant, Löwe oder Gepard: Walter Schels ist zahmen und wilden Tieren mit seiner Kamera so dicht auf den Pelz gerückt, dass man meint, ihnen direkt in die Seele zu blicken.

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„Tierische Porträts“ heißt die Schau auf dem Museumsberg Flensburg, eingerichtet in Zusammenarbeit mit dem Naturwissenschaftlichen Museum.

Quelle: Walter Schels

Flensburg. „Tierische Porträts“ heißt die Schau auf dem Museumsberg Flensburg, eingerichtet in Zusammenarbeit mit dem Naturwissenschaftlichen Museum.

Was tatsächlich in den Köpfen der Porträtierten vorgehen mag, wird ihr Geheimnis bleiben, denn der menschliche Blick auf die abgelichteten Vier- und Zweibeiner ist höchst subjektiv. Ist der Hund mit den großen Kulleraugen wirklich traurig? Und mangelt es dem dämlich dreinblickenden Schaf tatsächlich an Grips? Wie dem auch sei, die empathischen Schwarzweißfotografien berühren – einige durch ihren Witz, andere durch ihre ernsthafte, melancholisch anmutende Tiefe. Ergänzt werden die analog fotografierten Aufnahmen, die auch durch ihre technische Brillanz bestechen, durch eine Reihe kurioser „Fabelwesen“. Sie zeigen Mischkreaturen aus Kuh und Fisch, Hase und Widder, die auf ein Spiel mit Überblendungen zurückgehen und Kindern gefallen könnten.

Walter Schels, 1936 in Landshut geboren, ging 1966 nach New York, um Fotograf zu werden. 1970 kehrte er nach Deutschland zurück, arbeitete für diverse Illustrierte und Modemagazine sowie für die Werbung und machte bald unter anderem mit seinen Aufnahmen von Neugeborenen im Auftrag der Zeitschrift „Eltern“ auf sich aufmerksam. Die Arbeit beeinflusste seine späteren Porträtaufnahmen – bis er die menschlichen Modelle eines Tages satt hatte. „Irgendwann stellte er fest, dass Menschen vor der Kamera anders aussehen wollen, als sie sind. Und so beschloss er, sich den Tieren zuzuwenden, denn Tiere sind nicht eitel“, so Museumschef Michael Fuhr, der die Schau gemeinsam mit dem Künstler konzipiert und mit humorvollen Akzenten versehen hat. Zu letzteren gehört eine Sammlung von Sätzen berühmter Zeitgenossen, die an den Wänden über den Fotos zu lesen sind. „Die Maus ist ein Tier, dessen Pfad mit in Ohnmacht fallenden Frauen übersät ist“, wird etwa der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce zitiert – darunter das Bild eines Nagers, der eher verdruckst als furchteinflößend dreinschaut.

Die Aufnahmen, von denen einige bisher nicht ausgestellt wurden, entstanden nahezu ausnahmslos im Studio. „Ein bisweilen abenteuerliches Unterfangen“, so Fuhr. „ Als ein zahmer Bär auf dem Studiosofa Platz nahm, brach das fragile Möbel unter seiner Last zusammen.“ Erstaunlich, wie viel Gelassenheit der Riese dennoch auf dem Foto ausstrahlt. Überhaupt wirkt bei Schels nichts inszeniert. Platziert vor weißem oder dunklen Hintergrund schauen die Tiere dem Betrachter eins zu eins ins Gesicht. Nichts lenkt ab vor ihrem Blick, der mal neugierig, mal müde oder ängstlich erscheint. Und der den Betrachter zwingt, sein eigenes Verhältnis den Tieren gegenüber zu hinterfragen.

Museumsberg Flensburg, bis 20. September,  Di-So 10-17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr

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