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Das große Glaubensbrausen

Nikolaichor Kiel Das große Glaubensbrausen

Es gibt Werke, die sind nicht zu fassen. Sie lassen sich nicht annähernd adäquat auf Tonträgern darstellen und sie überfordern Hörer und Ausführende sozusagen mit Ansage. Auch für Max Regers chorsinfonische Vertonung des 100. Psalms ist die maßlose Übertreibung aller spätromantischer Parameter Programm.

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Regers Anwalt: Volkmar Zehner.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Der Komponist treibt da das gigantische Glaubensbrausen auf die Spitze, bis der zentrale Luther-Choral Ein feste Burg ist unser Gott unter schmerzlichen kontrapunktischen Wehen einer wahnwitzigen Doppelfuge erlösend geboren wird. In der Tradition einer seiner Vorvorgänger, dem engen Reger-Freund und – Förderer Fritz Stein, hat es Kiels Kirchenmusikdirektor Volkmar Zehner am Sonntag gewagt, das Werk von 1909 erneut in Kiel aufzuführen – wie vor einem Jahrhundert mit gewünscht enormer Wirkung beim Publikum in der annähernd gut besuchten Nikolaikirche.

Zehner hat seinen Nikolaichor im Schulterschluss mit dem Hamburger Bachchor St. Petri (Einstudierung: Thomas Dahl) verstärkt, um überhaupt eine Chance gegen das donnernd vibrierende Orchestertosen zu haben. Sehr überzeugend gelingen unter seiner souveränen Leitung die turmhohen Steigerungswogen; grandios schlägt die Erkenntnis aus dem Nebel des Zweifelns durch, „dass der Herr Gott ist“; und erstaunlicherweise bringen alle Beteiligten im dritten Teil noch die Lockerheit auf, tatsächlich „con grazia“ und im beschwingten Dreivierteltakt mit Dank und Lob zu den Toren hineinzutänzeln. Dass es auch mal knirscht im harmonisch extrem gespannten Gewebe, das nun wirklich den allerletzten Endpunkt der Romantik markiert, gehört zu Regers Utopie sogar dazu.

 Reinen Wohlklang kann man woanders genießen: in Regers betörender Bearbeitung des Bachschen Choralvorspiels BWV 622 und vor allem in Felix Mendelssohns 42. Psalm. Zehner lässt den organisch austarierten Chor hier schwelgen und blühen, dass die entstehende Leuchtkraft eine reine, bewegende Freude ist. Außerdem hat er in Hanna Zumsande eine hinreißende Sopran-Solistin und in der Hamburger Camerata ein kundiges Orchester, das sich hier stilistisch spürbar wohler fühlt als in Bachs beziehungsreich auf Reger voraus weisender Choralkantate Ein feste Burg. Was der Chor im Barockgeflecht noch an Textpräsenz vernachlässigt, wird bei Mendelssohn zur erfüllend sämigen Verschmelzung von Wort und Legatostrom. Ein zutiefst eindrucksvolles Konzert im ausklingenden Reger-Gedenkjahr – zu fassen oder auch nicht.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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