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Meister der Zwischentöne

Andras Schiff beim SHMF Meister der Zwischentöne

Weltweit gibt es nur wenige Künstler, bei deren Spiel man das Gefühl absoluter „Richtigkeit“ des Musizierens hat. Der Pianist András Schiff, „Artist in Residence“ des SHMF 2016, gehört zu ihnen. Sein Konzert in Büdelsdorf, das die ACO Thormannhalle zum intimen Musizier-Glücksort verzaubert, beweist das mit vier „vorletzten“ Klaviersonaten von Mozart, Beethoven, Haydn und Schubert erneut.

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Ohne Virtuosenallüren: Klarheit und Sensibilität sind für András Schiff die Grundlage des Musizierens.

Quelle: EN; Erik Nielsen

Büdelsdorf.  Dankbarer, bravodurchsetzter Beifall und zwei Zugaben – die Kopfsätze aus Bachs Italienischem Konzert und Mozarts Sonata facile (mit köstlich-unprätentiösen Verzierungen bei den Wiederholungen) – beenden einen denkwürdigen Abend. Vielleicht sollte man über die konzertpausenlosen 100 Minuten nichts weiter schreiben als: „Genau so war es richtig!“ Doch das würde Schiffs Spiel zwar feiern, doch nicht würdigen. Versuchen wir also, zumindest einige prägnante Züge dieses Spiels und seiner Stimmigkeit zu erfassen. Das Wichtigste ist vielleicht, dass Schiff nichts in die Werkes hineingeheimnisst (was durchaus originell und spannend sein kann), sondern aus ihnen herausgeheimnist, was in ihnen steckt – und ihnen doch ihren Geheimnis-Charakter lässt. Nichts wirkt von außen aufgesetzt, um des Effekts willen überzogen. Von den interpretatorischen Zerrspiegeleien eines Pogorelich (tags zuvor in Kiel zu hören), trennen ihn Abgründe. Schiff ist ein Meister der Zwischentöne.

 Subtil balanciert er bei Mozart diatonische und chromatische Kräfte aus, bringt Melodie und Begleitstimme zum Duettieren, zeigt eindringlich, doch ohne Virtuosenallüre, wie gegen Ende des Kopfsatzes fast eine Art konzertanter Spielfreude aufkommt. Im Adagio wird das Hauptthema in Wiederholungen und bei seiner späteren Wiederkehr immer wieder leicht unterschiedlich getönt. Das ist musikalische „Klangrede“ par excellence, die danach auch die Facetten des Finales zum klaren Leuchten bringt. Ja, Klarheit ohne Übertreibung und Sensibilität ohne Larmoyanz sind die Grundlage eines Musizierens, das später auch dem geistvollen Reichtum der kurzen zweisätzigen Haydn-Sonate zugutekommt. Dazwischen: Beethovens späte As-Dur-Sonate. Warum klingt sie so anders als gewohnt? Stutzen wir, weil nach dem kantablen Beginn, der scheinbare Einfachheit mit eindringlicher Gesanglichkeit verschmilzt, die anschließenden Zweiunddreißigstel-Passagen so wenig schnittig daherkommen, fast etwas gebremst klingen – ganz anders als man es meist zu hören bekommt? Kann er nicht schneller? Will er nicht? Nun, Schiff liest Beethovens op.110-Noten genau und zieht daraus seine Ausdrucks-Konsequenzen: Bestimmte Töne dieser Passagen tragen Staccatopunkte, über die die meisten Pianisten hinweg spurten. Schiff versteht sie – und auch das ist „richtig“ – als Mini-Akzente, als Atempausen, als kleine Widerhaken, die den Passagen alles Etüdenhafte nehmen.

 So entfaltet der Satz rhetorisch-gesanglichen Reichtum. Das Scherzo schärft die Widerhaken, der langsame Satz fließt expressiv, doch unsentimental, die Fuge singt, spricht, flüstert und tritt mit ihrem Thema markant auf, ohne pompös aufzutrumpfen. Resultat: Man hört die Sonate „wie neu“. Kein Wunder, dass auch Schuberts große A-Dur-Sonate D 959 fesselt. Nein, Schiff hat nicht die Pranke, nicht die bedingungslose Expressivität eines Sokolov, sein Spiel bleibt auch dort, wo es akzentuiert, schlank. Und es bleibt im Fluss. Der Künstler weiß, dass es dem verführerischen „Verweile doch, du bist so schön“ nicht durch gefühlige Tempobremsen nachgeben darf. Dadurch wird Schiffs Musizieren zur Musik selbst – zu einer Musik, die wahrhaftig ist. Und rätselvoll richtig.

www.shmf.de

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