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Heiße Seelen, hitzige Chromatik

Reger-Festival-Chor Kiel Heiße Seelen, hitzige Chromatik

Als Beitrag zum Max-Reger-Gedenkjahr 2016 probt derzeit in Kiel ein eigens zusammengestellter Reger-Festival-Chor den Chorsatz "Die Nonnen". Generalmusikdirektor Georg Fritzsch will die Rarität mit den bis zu 250 Chorstimmen am 22. und 23. Mai in den Philharmonischen Konzerten präsentieren.

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Erste Verständigungsprobe des Reger Festivalchores unter Leitung von Lam Tran Dinh am Montagabend in der Ansgarkirche.

Quelle: cst

Kiel. „Junge heiße Seelen singen in die Nacht hinein ... Wieder tönt das Liebeszagen voll unsäglich bangem Laut, zitternd wie das ängstige Klagen einer sterbenden Braut“: Bis der Heiland die Nonnen in Martin Boelitz’ symbolistischer Dichtung segnet, hat jeder Mitsänger des Reger-Festival-Chores schon heftig auf einem heute verquast wirkenden Text herumgekaut. Aber viel Zeit zum Nachdenken bleibt einem beim Proben ohnehin nicht, denn dafür ist Max Regers Vertonung op. 112 in ihrer hitzig wogenden Chromatik musikalisch mit zu vielen chorischen Schwierigkeiten gespickt. Wenn die kühn gegeneinander verschobenen Akkordtürme aber gelingen, stellt sich beim Mitwirken so etwas wie ein spätromantischer Rausch ein, der auf der schwarzen Liste des Betäubungsmittelgesetzes nicht völlig falsch stünde.

 In der Ansgarkirche haben sich mit mir gut 200 Projektsänger zusammengefunden, die aus den Kieler Chören an Sankt Nikolai und Nikolaus, aus dem Philharmonischen Chor, dem Madrigalchor und der Heinrich-Schütz-Kantorei stammen. Später stoßen noch die Profis vom Opernchor hinzu. Friederike Woebcken initiiert ein schwungvolles Einsingen. Dann kann der Opernchorchef Lam Tran Dinh mit Solorepetitorin Sunyeo Kim am Klavier beginnen, Ordnung und Ausdruck ins gefährlich dichte Gewebe zu bringen. Besonders wichtig ist ihm dabei die gespannte Ruhe der vielen flüsterleisen Piano und Pianopianissimo-Stellen.

 Das philharmonische Raritäten-Projekt passt im Kontext des hiesigen, vom Verein der Musikfreunde koordinierten Beitrags zum Max-Reger-Jahr 2016 am heutigen 11. Mai besonders gut: Vor genau 100 Jahren starb der Komponist mit nur 43 Jahren – man vermutet nach übermäßigem Opium- und Medikamentenkonsum, denn maßlos war vieles an ihm. Sein Genie, seine Arbeitswut, sein Appetit, sein Bierdurst, sogar seine Bekanntheit. Max Reger war zeitweise der meistgespielte lebende Komponist in Deutschland, bekannt vor allem für seine üppig mäandernden Orgelwerke. Heute bedarf es Überzeugungsarbeit zur Rehabilitation beim Publikum. So werden die Musikfreunde und das Musikwissenschaftliche Institut der Uni am 10. Juni jenes historische Konzert rekonstruieren, dass Reger 1909 selber in Kiel gab.

 Generalmusikdirektor Georg Fritzsch, der zur Zeit gerade eine Wagner-CD mit Michael Volle und dem ehemaligen Ensemble seines Lehrers Heinz Rögner, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, aufnimmt, blickt „distanziert interessiert“ auf die Begeisterung Regers für den Boelitz-Text. Aber er ist froh, dass er mit den Nonnen ein Chorstück gefunden hat, das die vielen Damenstimmen des Reger-Festival-Chores in Szene setzt, „machbar“ sei und für eine „andere Farbe“ in der – außer in Kiel – „etwas verschämt“ anlaufenden Reger-Renaissance sorge.

 Fritzsch selber wurde durch sein Vater, dem Organisten und Kantor im Meißener Dom, und durch Rögner zum engagierten Reger-Anwalt. „Er ist ein handwerklicher Extremkünstler, dessen Meisterschaft einen musikgeschichtlichen Endpunkt in Sachen Kontrapunkt und Harmonik markiert.“

 

 Philharmonische Konzerte am Sonntag, 22. Mai, 11 Uhr sowie Montag, 23. Mai, 20 Uhr, im Kieler Schloss. Karten: 0431 / 901 901. www.reger-kiel2016.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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