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Gefilde des Gleichklangs

Literaturhaus SH Gefilde des Gleichklangs

Es ist eines der ungewöhnlichsten Bücher der vergangenen Jahre: Michael Fehrs Prosatext „Simeliberg“, der gleichermaßen Klangkunst und finsterer Provinzkrimi ist. Jetzt las der Schweizer im Literaturhaus.

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„Jede Geschichte muss nach sich selber klingen“: der Schweizer Schriftsteller Michael Fehr.

Quelle: Foto: Björn Schaller

Kiel. Im Rahmen der Reihe Literatursommer Schweiz 2016 präsentierte der Autor sein bereits in vierter Auflage vorliegendes Buch im Kieler Literaturhaus und begeisterte sein zahlreich erschienenes Publikum von Anfang an.

 Der Gemeindeverwalter Anatol Griese ist in der Schweizer Provinz unterwegs, um den Bauern Schwarz abzuholen, dessen Frau zwar nicht als verschollen gemeldet, tatsächlich aber spurlos verschwunden ist. Schwarz, der keiner erkennbaren Tätigkeit nachzugehen scheint und in einem ungeheuren, völlig verkommenen Gemäuer wohnt, weiß von nichts und zeigt Griese einen märchenhaften Geldschatz; ansonsten redet er ununterbrochen davon, auf den Mars auswandern zu wollen: „Kommunismus / hier bin ich der Letzte / droben werde ich von den Ersten sein“. Griese ist der Mann unsympathisch, und er freut sich, ihn auf dem Amt loswerden zu können, auch wenn er sich Sorgen um die Sachbearbeiterin macht: „falls der seine eigene Frau auf dem Gewissen hat / wird er mit einer zweiten kaum zimperlich tun“. Doch der Verdächtige bleibt undurchschaubar. Stattdessen kann Griese beobachten, wie sich in dessen Gehöft Schwarzhemden versammeln, kurz darauf wird der Bauernhof in einer gewaltigen Explosion vernichtet. Aus den Trümmern werden nicht weniger als sieben Leichen geborgen. Um was für einen Fall geht es hier eigentlich?

 „Simeliberg“ bietet eine außergewöhnliche Leseerfahrung. Michael Fehr (Jahrgang 1982) hat seinen gleichermaßen spannenden wie ironischen Stoff nicht mit Interpunktionszeichen, sondern durch Umbrüche strukturiert, was dem Ergebnis die Anmutung eines langen Gedichts gibt. Doch was auf den ersten Blick sperrig wirkt, entfaltet schnell eine hypnotische Kraft. Fehrs Diktion ist rhythmisch, knapp und präzise; obwohl er sich auf wenige Worte zu beschränkt, enthält „Simeliberg“ – eine Anspielung auf das gleichnamige Märchen der Brüder Grimm – einen runden Erzählkosmos, der mit oft absurden Momentaufnahmen gesättigt ist.

 Fehr kann aufgrund einer Augenerkrankung fast nichts sehen, was bedeutet, dass Lesen für ihn mit Hören gleichzusetzen ist. Entsprechend leitet er seinen Schreibansatz „aus einer archaischen Tradition“ ab, nämlich dem mündlichen Erzählen. „Sprache ist zum Sprechen gemacht“, weshalb der Schrift der Rang einer Partitur zukomme: Ohne sie gäbe es das Kunstwerk nicht, aber die klangliche Interpretation ist wichtiger als der Träger. Jede Geschichte muss für Fehr daher „nach sich selber klingen und jener Ton werden, der sie trägt“. Daher konzentriert er sich auf die „Gefilde des Gleichklangs“, die jenen rhythmisierten Raum erzeugen, der die erzählte Geschichte voranbringt.

 „Simeliberg“ ist natürlich weit mehr als eine Krimigeschichte, obwohl sie sich mühelos als solche lesen lässt. In dem Buch steckt auch ein scharf beobachtetes Landesporträt und eine tief empfunden Skepsis gegenüber der Wirklichkeit, die mehr und mehr auseinander zu fallen und sich dem Beschreibbaren zu entziehen droht. Bleibt die Frage: Muss diese Literatur vorgelesen werden? Fehr winkt ab. Natürlich lebt „Simeliberg“ vom Sprachklang, aber manchmal wäre „die innere Stimme der schönere Vorleser“.

Von Kai. U. Jürgens

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