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Der Stachel im Wohlbefinden

Opernpremiere in Kiel Der Stachel im Wohlbefinden

An der Oper in Kiel feierte Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny Premiere - und das mit großem Erfolg.

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Premiere von der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny in Kiel: hier das Ensemble und der Opernchor.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Wir amüsieren uns zu Tode. Typen wie Sepp Blatter, Dominique Strauss-Kahn oder Silvio Berlusconi scheinen zwar immer noch irgendwann zu straucheln, aber sie gleichen längst den Köpfen einer Hydra. Bertolt Brecht und Kurt Weill haben das schon in den vermeintlich goldenen Zwanzigern gewusst und in der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny auf den Punkt gebracht – so böse übrigens, dass man nicht mal im antikapitalistischen Ostblock Lust verspürte, sie zu spielen.

Kiel war nach der Ächtung durch die Nazis eines der ersten Theater, das diese allemal sperrige Tour-de-Force durch die Stile wieder aufführte. Jetzt beendet dasselbe Opernhaus mit diesem Stachel im Fleisch gesellschaftlichen Wohlbefindens eine mit der Barock-Rarität Atys und der Fernost-Moderne Matsukaze erstaunlich mutige Saison. Und das mit sehr großem Erfolg beim Premierenpublikum.

Dabei dauert es ziemlich lange, bis der Regisseur Ansgar Weigner das Gehabe in der aus dem Wüstensand gestampften Netzestadt à la Vegas von einer puppenlustigen Revue der trashigen Kostüme und Perücken (Christof Cremer) mit leidlichem Unterhaltungswert in eine klingende Anklage kippen lässt, eine, die unter die Haut geht. Erst wenn Flüchtlinge am Schutzwall der Wohlsituierten abprallen, Frauenkörper nicht mehr groß von Schweinehälften unterschieden werden, die Tritte des Ich gegen das Du bis in den dann erleuchteten Zuschauerraum herüberzüngeln und die Anarchie des Eigenwillens elementare Menschenrechte beugt, kriecht das notwendige Unbehagen ins Stück.

Michael Müller und Ensemble auf der Bühne bei der Opernpremiere von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Sonnabend in Kiel.

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Die herrlich ziegig keifende Witwe Begbick (Marina Fideli), der wunderbar schmierig nadelgestreift singende Betrüger Fatty (Matthias Koziorowski) und der gefährlich imposant dröhnende Springerstiefel-Neonazi Dreieinigkeitsmoses (Jörg Sabrowski) gründen eine schnelllebige „Sin City“, die der Bühnenbildner Norbert Ziermann sehr geschickt aus Containerelementen zusammenschiebt. Zu dieser demonstrativ billigen Illusionsmaschinerie für den Spaß-gegen-Geld-Betrieb passt auch die Verwandlung der „Brecht-Gardine“ in ein ekliges Gehänge aus schwarzem Plastik. Dass hier die „Ware“ Liebe eher ihren Platz findet als die „wahre“ und Gott zum moralinsauren Schulmeister mit Bart verkommt, gehört zum todernsten Spaß unbedingt dazu.

Während es der süßen Jenny von Agnieszka Hauzer vielleicht ein wenig an fatalistisch herber Lotte-Lenya-Sprachmächtigkeit fehlt, hat Michael Müller den Jim Mahoney optimal im Griff und wird zu Recht am stärksten für eine brennend große Leistung gefeiert. Müller startet mit der Leichtigkeit und Leichtfertigkeit des Operetten- und Schlagertenors der Zwanziger – stimmlich sozusagen in Frack und Zylinder. Doch werden seine Töne und Gesten schleichend panischer, führt er Jimmys Passionsweg über den Schauprozess spürbar unaufhaltsam zur Hinrichtung, hatte der sich doch der zentralen Sünde in Mahagonny schuldig gemacht: der Zahlungsunfähigkeit.

Kurt Weills allemal anstrengend fordernde Partitur, eine wirklich wilde Mixtur irgendwo zwischen Webers Jungfernkranz, Wiener Heurigen-Parodie, Dreigroschensong, Kontrapunkt-Avantgarde und Jazz-Testlauf ist bei den Kieler Philharmonikern unter der feinnervigen Leitung des scheidenden Ersten Kapellmeisters Leo Siberski in besten Händen. Betörende Saxophon-Soli, scharfe rhythmische Akzente und opernhaft aufgeplusterte Tableaus – alles reizt hier die Sinne. Dass es noch hier und da klappert, gehört zum Handwerk. 

Ein Sonderlob verdienen sich der Chor und das zum Teil aus dem Jugendchor-Nachwuchs rekrutierte Prostituierten-Ensemble. Lam Tran Dinh hat sie so fein eingepegelt, dass man von dem üblichen Agitprop-Gebrüll und plakativen Musical-Geschmiere erstaunlich weit wegbleibt. Am Ende hat man in der Mahagonny-Hochburg Kiel einen mit drei Stunden etwas länglichen, aber unterhaltsamen und letztlich auch eindringlichen Abend erlebt.

Opernhaus Kiel. Termine am Di 16., So 21. und Mi 24. Juni. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de 

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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