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Der Stoff, aus dem Identität ist

Deutsch-norwegische Ausstellung in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel Der Stoff, aus dem Identität ist

Sehenswert: Eine Ausstellung mit Künstlern aus der Region Oslo und Ostnorwegen und dem BBK-Schleswig-Holstein rund um das Thema "Identität".

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Helen Karin Eriksen (l.) und Germain Ngoma arbeiten an ihrer Installation „Transit“. Im Vordergrund eine Bodenarbeit von Maria Sundby, die auf einer Müllhalde in Oslo fündig wurde.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Auf einem Wandteppich erzählt Dorthe Herup ihre Familiengeschichte. Die dänische Textilkünstlerin, die seit langem in Norwegen lebt, benutzt vielfarbige Garne und Materialien, um ein Gruppenbild zu weben, das vor den Augen zu verschwimmen scheint, wenn man es aus der Nähe betrachtet. Ihre Vorfahren seien einst aus Nordwestjütland aufgebrochen, luden all ihre Habe in ihr Fischerboot und segelten von Skagen aus nordwärts, bis sie einen geschützten Hafen erreichten. Frau und Kinder gingen an Land, und als der Fischer nach seinem ersten Fang zurückkehrte, quoll das Boot über von Fisch. Keine Frage, dass man bleiben würde.

 Das schöne Märchen mit biografischem Wahrheitsgehalt wird erzählt in einer vielschichtigen Ausstellung, die am morgigen Sonntag in der Landesbibliothek eröffnet wird. Unter dem etwas didaktischen Titel Identität – Wer ist wer? Was ist wo was? haben sich die Künstlerverbände BBK-Schleswig-Holstein und die Künstlervereinigung Østlandsutstillingen zusammengetan. Die gemeinsam jurierte Schau war im vergangenen Sommer in drei Galerien in Oslo zu sehen. In Kiel bietet nun die Landesbibliothek Raum genug, alle 47 Arbeiten von 30 norwegischen und zehn hiesigen Künstlern zu zeigen.

 Ist es müßig, die Frage zu stellen, ob das Thema „Identität“ zwischen Deutschen und Norwegen künstlerisch unterschiedlich gesehen und verarbeitet wird? „Auf jeden Fall wird es auf norwegischer Seite nicht vordergründig behandelt“, sagt BBK-Vorsitzende Monika Rathlev. Es werde vielmehr hinterfragt. Und das, wie sich in der Ausstellung zeigt, auf hohem qualitativen Niveau, nicht selten subjektiv und mit eigenwilligen künstlerischen Handschriften. Betroffenheitskunst oder plakative Vereinfachungen haben hier keinen Raum. Grafik, Fotografie und Video dominieren.

 Nicht nur bei der eingangs erwähnten Dorthe Herup, sondern auch bei Karen Ingeborg Bye, die eine übergroße Papierarbeit hinter Glas zeigt. Die titelgebenden Bäume und Häuser sind vor lauter nächtlicher Schwärze allenfalls zu ahnen. Oft seien konkrete Orte Grundlage ihrer Landschaften, sagt die norwegische Künstlerin, die unter der oberflächlichen Schönheit von Wald und Küste eine geschichtliche Hintergrundfolie von Tod und Gewalt aufspürt.

 Zwei, die das Thema sehr konkret angehen, sind Helen Karin Eriksen und Germain Ngoma, die als Künstlerduo seit zwei Jahren mit Flüchtlingen arbeiten. „Auch wir sind Fremde in Norwegen“, sagen beide. Sie aus Großbritannien, er aus Sambia mit norwegischem Pass. „Transit“, der Begriff des Übergangs, hat die 16- bis 25-jährigen Flüchtlinge in den Workshops beschäftigt. Die daraus hervorgegangene Installation mit lebensgroßen Fotografien zweier Jugendlicher, fixiert auf Pappe und einer fragilen Holzkonstruktion, stehen im Zentrum. Etwas abseits ein Sockel mit mächtigen ledergebundenen Büchern: „Gästebuch“ und „Fremdenbuch“ lauten die norwegischen Titel, die in Goldschnitt die Rücken zieren. Sie stammen aus ein und demselben Hotel, sagt Helen Eriksen und kann auf weitere Erklärungen verzichten.

 Die braucht es auch nicht für Maria Sundbys riesiges Feld unter dem zweideutigen Titel The Rest in Pieces. Ein Schuttfeld aus Porzellan, Glas, Metall und Knochen, zusammengetragen in vier Jahren von der Künstlerin und einem Freund. – Reste einer versiegelten Müllhalde in Oslo, die zwischen 1904 und 1945 bestanden hatte. Nicht nur an dieser Stelle jede Menge Material zum Weiterdenken.

 

 Landesbibliothek SH, Kiel, Wall 47/51. Eröffnung mit Kulturministerin Anke Spoorendonk und norwegischen Gästen am So, 17. Januar, 11.30 Uhr. Einführung Jens-Martin Neumann. Bis 18. März. Katalog 5 . Di-Fr 11-17, So 11-17 Uhr.

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