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Balance zwischen Licht und Beklemmung

Begegnung im Litearturhaus Balance zwischen Licht und Beklemmung

Die Geschichte hatte Akos Doma immer schon im Hinterkopf. Von dem jungen Paar in Budapest, das sich nicht abfinden will mit den Drangsalierungen und der geistigen Enge im kommunistischen Nachkriegs-Ungarn. Im Literaturhaus stellte er den Roman vor, in dem er den Stoff verarbeitet hat.

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Verarbeitete Erlebnisse seiner Kindheit: Akos Doma.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Wie der Gedanke entsteht, das Land zu verlassen. Die Flucht 1972 mit zwei Kindern und Hund über Jugoslawien nach Italien – mehr Wille als Plan. Das Lager bei Neapel, wo die Familie strandet. Das Warten in dreckigen Baracken, die Versuche, die Zeit und die Heimatlosigkeit zu füllen.

 Es ist auch seine eigene Geschichte, die der Schriftsteller, 1963 in Budapest geboren und in den Siebzigern nach Deutschland gekommen, in seinem dritten Roman Der Weg der Wünsche erzählt. Das Auffanglager Capua, in dem die Ratten durch die Lebensmittel wühlen und der lange Arm des ungarischen Geheimdienstes weiterwirkt, hat er auch erlebt. „Ich habe aber keine traumatischen Erinnerungen“, sagt er locker im Gespräch mit Sara Dusanic im gut gefüllten Literaturhaus, das mit der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft zur Lesung eingeladen hat. „Die Zeit im Lager, die haben wir Kinder als ein großes Abenteuer erlebt. Ein halbes Jahr schulfrei, viel zu entdecken – und natürlich haben die Eltern auch viel von uns fern gehalten.“

 So balanciert das Buch zwischen Licht und Beklemmung, zwischen Fluchtdrama, Familien- und Initiationsgeschichte, die so schöne Erkenntnisse bereithält wie diese: „Wenn man Krieg und Frieden gelesen hat, kennt man das ganze Leben“. In einem fließenden Erzählton, der das Nüchterne poetisch grundiert und Raum schafft für Zwischentöne. Schon das Familienfest zu Beginn erscheint da als Idylle mit Schattenflecken. Und die Lügen und Geheimnisse hören im neuen Leben nicht auf. Für die Eltern wird die Flucht zur Zerreißprobe, für die 16-jährige Bori und den siebenjährigen Misi ein Aufbruch mit Hindernissen. Und dazwischen flirren die Erinnerungen an die zurückgebliebenen Großeltern.

 Für sein Buch ist Doma nach Ungarn gereist, hat mit Verwandten und Bekannten der Familie gesprochen, das Fluchttagebuch der Großmutter entdeckt. Und vom Vater gab es eine Kiste mit lang verborgenen Fotos aus Capua. Durchaus untypisch für den Autor, der mit Inbrunst sagt: „Ich hasse es zu recherchieren. Beim Schreiben geht es doch um die Fantasie ...“ Aber lächeln muss er dann auch.

 Es sei ihm weniger um das spezifisch Ungarische gegangen, als um das Phänomen der Flucht, sagt Doma: „Das ist eine so europäische, speziell mitteleuropäische Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Die ist eigentlich universell.“ Bis in heutige Tage, auch wenn Doma den Roman schon 2011 zu schreiben begann, lange bevor die Migration nach Europa zur Massenbewegung wurde.

 Und wo hat der Schriftsteller seine eigene Heimat gefunden? „Als Mensch bin ich Ungar“, überlegt er, „aber als Schriftsteller ist man ja immer in der Sprache zu Hause, in der man schreibt. Und die ist Deutsch.“

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