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Dänemark und die Fremde

Autor Carsten Jensen im Interview Dänemark und die Fremde

Vor fast zehn Jahren erschien Carsten Jensens Seefahrer-Roman Wir Ertrunkenen auf Deutsch. Ein Epos zwischen Land und Meer, Krieg und Frieden, über die Seeleute des Städtchens Marstal auf Ärö.

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Engagierter Erzähler: der dänische Autor Carsten Jensen.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Anziehungspunkt für Segler in der dänischen Südsee und einstmals der zweitgrößte dänische Hafen nach Kopenhagen. Mittlerweile ist der Roman in zwanzig Sprachen übersetzt, und der Autor entdeckt darin immer noch Anknüpfungspunkte an die Gegenwart. Vor dem Besuch im Literaturhaus in Kiel sprachen wir mit Carsten Jensen.

 

„Wir Ertrunkenen“ ist 2006 erschienen – wie nah ist Ihnen das Buch noch?

Dazu gibt es eine schöne Anekdote. Ich hatte vor ein paar Jahren den Oberbefehlshaber der dänischen Marine getroffen. Er kannte das Buch, mochte es und wollte gern, dass ich ihm ein paar Bücher signiere. Weihnachtsgeschenke für eine Handvoll Dänen, die in der östlichsten Ecke von Grönland Wache stehen, und das Eis vor einer norwegischen Invasion schützen.

 

Und die gibt es tatsächlich?

Ja, es gibt sie. In den dreißiger Jahren hatten die Norweger tatsächlich den Plan, in Grönland einzumarschieren. Also schickte Dänemark Soldaten in diese menschenleere Gegend. Und seither stehen da traditionell 20 schwer bewaffnete Soldaten und bewachen die Wildnis. Und bei denen landete Weihnachten ein Fallschirm mit meinen Büchern.

 

Das Buch beginnt und endet mit zwei blutigen Schlachtengemälden, das erste 1848 vor Eckernförde, das zweite 1945 im Eismeer – viel Krieg für ein lange eher pazifistisch gesonnenes Land.

Wir haben uns im letzten Jahrhundert tatsächlich als eine sehr friedfertige Nation gesehen, die sich nie in militärische Aktionen hat verwickeln lassen. Aber aus der Seefahrer-Perspektive war das anders: Sie waren ständig involviert. Im Ersten Weltkrieg waren wir zwar neutral, aber die See war die Frontlinie. Und im Zweiten Weltkrieg sind jede Menge dänischer Schiffe in den Aliiertenkonvois gefahren. Die Besatzung war also täglich mit dem Krieg konfrontiert. Und viele sind gestorben, von den 6000 Seeleuten auf diesen Schiffen sind 1000 nicht zurück gekommen. Und es war diese andere dänische Geschichte, die ich in Wir Ertrunkenen erzählen wollte.

 

Warum ist dieser Teil der Geschichte den Dänen so wenig präsent?

Seemänner spielen keine Rolle im dänischen Bewusstsein. Wenn Sie vor zwei Generationen einen Dänen gefragt hätten, was für eine Nation wir sind, hätten die meisten wohl geantwortet: eine Seefahrer-Nation. Aber wenn Sie heute fragen, wo Dänemark historisch herkommt, sagen sie: Wir sind Bauern. Das ist ein fundamentaler Unterschied in der Perspektive: Der Bauer lebt auf seiner Scholle, der Blick endet am Horizont. Ein Seemann aber ist gezwungen, mit dem Fremden umzugehen. Er fährt hinaus, lernt fremde Länder kennen. Und wenn er zurückkommt, hat er etwas Grundsätzliches gelernt: Dass es mehr als einen Weg gibt, zu leben. Das ist eine sehr essenzielle Lehrstunde in Zeiten der Globalisierung. Denn ob wir wollen oder nicht: Wir sind gezwungen mit dem und den Fremden zu leben.

 

Das klingt nach einer Anleitung für die moderne Gesellschaft?

Ich wollte kein Rollenmodell schaffen. Es wäre auch ein falsches Bild: Der Seemann hat ja kein fröhliches Familienleben, eigentlich gibt es gar keine Familie. Ich habe das selbst erlebt. Mein Vater war Seemann. Und wenn er da war, war das wie ein Besuch vom großen Bruder. Er hatte gar keine klare Idee, was ein Vater zu tun hatte.

 

Sie haben Ihre halbe Kindheit in Marstal auf der Insel Ärö verbracht – aber ein Seemann sind Sie nicht geworden.

Nein, ich hatte kein Interesse daran. Ich war kein praktisch begabtes Kind. Ich hatte Asthma, war nicht sehr kräftig – und ich liebte es zu lesen. Und manchmal schien es mir, als sähe mich mein Vater an und fragte sich, wie dieser Alien in seiner Familie gelandet sei. Er hielt Bücher für Zeitverschwendung und Menschen, die nicht mit den Händen arbeiteten, für nutzlos.

 

Das klingt nach einer schwierigen Beziehung?

Nein. Wir haben einfach akzeptiert, dass wir auf verschiedenen Planeten leben und trotzdem Freunde sein können. Außerdem war er ein toller Geschichtenerzähler.

 

In die Welt hinaus hat es Sie auch gezogen. Nicht als Seemann, sondern als Reisender und Reporter von Indien bis Afghanistan. Was bedeutet Ihnen das Reisen?

Ich liebe es, neue Orte zu entdecken. Vor allem aber reise ich, um fremde Menschen zu treffen, ihnen nahe zu kommen, ihre Lebensweisen kennen zu lernen. Ich glaube, es gibt eine Verbindung zwischen Lesen und Schreiben. Warum liest man? Man versucht, eine Zeit lang jemand zu werden, der man nicht ist. Und aus demselben Grund reise ich.

 

Ihre Helden aus Marstal kehren aber auch immer wieder zurück. Und wenn es nur ist, um sich in Marstal begraben zu lassen. Braucht man starke Wurzeln, um in die Welt aufzubrechen?

Hm. Bäume haben Wurzeln – die können sich nicht bewegen. Aber Menschen haben Beine – und sie bewegen sich. Wurzeln erzählen davon, wo man herkommt – aber das heißt nicht, das man verdammt ist, auf ewig dort zu bleiben. Es ist gut, seine Wurzeln zu kennen. Aber eigentlich vergleiche ich das Leben lieber mit einem Fluss: Der kommt von irgendwoher und er fließt immer weiter. Es gibt ein Tier, dass die Beziehung der Leute zu Marstal ganz gut erklärt: Sie sehen den Spatz als ihr Symbol. Ein ganz bescheidener kleiner Vogel. Weil sie sagen: Wir sind wie die Spatzen, wir sind überall in der Welt anzutreffen. Und wenn man Marstaller zu ihren Wurzeln befragt, dann sagen sie so etwas.

 

Der Krieg beschäftigt Sie auch in Ihren Reportagen. Sie haben ein sehr kritisches Dänemark-Bild.

Ja, ich finde, Dänemark ist eng und engstirnig geworden. Ihr seht Dänemark als Ferienidylle, offen, freundlich. Aber für Migranten ist das anders, sie stehen unter einem ständigen Rechtfertigungsdrang. Es gibt ein konstantes Misstrauen. Die dänische Volkspartei, die Rechtspartei hat es geschafft, zu diktieren, wie wir unsere Immigranten behandeln. Die Idee ist einfach, es ihnen so ungemütlich zu machen, dass sie von selbst gehen. Gleichzeitig fanden wir aber auch das, was im Mittleren Osten passierte, schrecklich genug, um mit Amerika dort zu kämpfen. Als einziges europäisches Land neben Großbritannien, das im Irak, in Afghanistan und Syrien dabei war und ist.

 

Nach dem Attentat in Kopenhagen haben Sie von einer Selbst-Radikalisierung des Landes geschrieben.

Das ist der Begriff, den wir für den Attentäter gefunden haben, als sich keine Verbindungen zu Terrornetzwerken belegen ließen. Ich habe das zurück gespiegelt: Wir als Nation haben uns radikalisiert, ohne dass wir es gemerkt haben. Und ich fand, es war nötig, innezuhalten und darüber zu reden.

 

Gibt es also eine Linie von den vergangenen Kriegen in „Wir Ertrunkenen“ in die Gegenwart?

Diese Verbindung gibt es tatsächlich. Der oben genannte Marine-Admiral hat sie mir eröffnet. Er sagte, die einzigen Leute, die unter denselben harten Umständen leben wie Ihre Seemänner im Buch, denen ihr Arbeitsplatz auch zum Grab werden kann, sind Soldaten. Auch Dänemarks Truppen in Afghanistan. Das wurde zum Ausgangspunkt für meinen nächsten Roman „Der erste Stein“, der im Herbst in Dänemark erscheint.

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