21 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
„Wir sind hier im Movieland“

„Das Produkt“ am Landestheater „Wir sind hier im Movieland“

Es darf gelacht werden, es muss gelacht werden. Zwar ist die Erkenntnis, dass Humor die beste Waffe gegen das Entsetzen ist, längst eine Binsenweisheit. Trotzdem wirkt sie mit unverminderter Kraft, was der groteske Monolog Das Produkt des britischen Autors Mark Ravenhill im gut besuchten Theaterfoyer Rendsburg geradezu tollkühn vor Augen führte.

Voriger Artikel
Aus dem Geist der Präsenz
Nächster Artikel
Hannelore-Greve-Literaturpreis geht an Hanns-Josef Ortheil

Furiose Nummer: Lorenz Baumgartens Solo in Ravenhills „Das Produkt“.

Quelle: *

Rendsburg. Und weil das so ist, bleibt ein bizarres Stück wie das bereits vor zehn Jahren verfasste Das Produkt bissig, komisch, aktuell und relevant. „Wir sind hier im Movieland“, wird der Protagonist, ein wahnwitziger Film Produzent, mehrmals sagen, um die hanebüchenen Ungereimtheiten seines neuesten Stoffes zu erklären. Vor einer Reihe von Selters-Flaschen, die (...herrlich) wahrscheinlich Oscars sein sollen, stellt er dem weiblichen Hollywood-Star Amy nämlich ein brandheißes Drehbuch vor. In dem Blockbuster soll sie eine beruflich unzufriedene, sexuell unbefriedigte Geschäftsfrau spielen, die ihren Mann bei den Anschlägen auf das World Trade Center verloren hat. Trotzdem verknallt sie sich in den arabischen Al-Quaida-Terroristen Mohammed, will mit ihm bei einem gemeinsamen Anschlag auf Disneyland Paris den Märtyrertod sterben, bekommt Skrupel, verrät ihren exotischen Lover, bekommt nochmal Skrupel und wird nach Mohammeds Verhaftung zur durchtrainierten Ein-Frau-Befreiungs-Armee.

 Als die Satire 2009 im Theater Kiel über die Bühne ging, stellte man der Figur des Produzenten noch eine Schauspielerin als echtes, freilich stummes Gegenüber auf die Szene. Ein grandioser Lorenz Baumgarten zaubert diese furiose Nummer in Rendsburg nun allein auf die Bretter. Seine „Amy“ ist das Publikum. Immer wieder spielt er, ohne die Grenzen der Aufdringlichkeit zu überschreiten, einzelne Zuschauer direkt an. Ein wirkungsvoller Kniff, denn er verstärkt die beinahe hypnotische Faszination, die von der so wunderbar halbseiden angelegten Figur ausgeht. Gleichwohl ist der Abend nicht banal. Denn wenn auch plakativ verhandelt Ravenhill die großen Themen: Die Ausbeutung der Frau im Islam und im Showgeschäft, die Ausbeutung von islamistischem Terror für die Unterhaltungsindustrie, die Vorurteile, Klischees und simplen Denkstrukturen mit denen eine Geschichte zu einem „Produkt“ für die Massen wird. Großer Beifall für einen überragenden Lorenz Baumgarten und Dramaturg André Becker.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3