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Spuren des Verschwundenen

Kunst in Lübeck Spuren des Verschwundenen

Wie muss jemand gestrickt sein, der von sich behauptet: „Ich bin eine Videokassette“? Joep van Liefland sei auf jeden Fall ein Freak, sagt Oliver Zybok und lächelt sein breites Lächeln, das dem Gegenüber signalisiert, dass für den Direktor der Lübecker Overbeck-Gesellschaft Kunst und der ironisch-humorvolle Hintergrund nicht selten zusammengehören.

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Gestern High-End und nur für Profis bezahlbar, heute ausgemustert: Joep van Liefland mit einer MAZ-Maschine.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Lübeck. Bei dem 49-jährigen Künstler aus Utrecht mit Lebensmittelpunkt Berlin manifestiert sich das Freakige in tonnenschwerem, schwarzem Technikschrott, der jetzt den Gartenpavillon in eine ziemlich nerdige Höhle des analogen Zeitalters verwandelt hat.

 „Das ist unsere bislang aufwendigste Ausstellung“, erläutert Zybok die Umbauarbeiten inklusive neu eingezogener Wände und Fenster, die aus den Räumen ein Studio im Studio gemacht haben. Joep van Liefland setzt hier einer versunkenen Kultur ein Denkmal, das beides ist. Nostalgische Erinnerung, für die Generation Vinyl. Und ein krudes Technik-Panoptikum für die Digital Natives, für die Streamer und Downloader, für die DVDs oder CDs nicht mehr als Staubfänger sind. Aber Staub, Ranz und speckige Gebrauchsspuren gehören zu den aufgetürmten Videorekordern, den schweren Faxgeräten, den ausladenden Profi-Tonbandgeräten, den monströsen Schneidemaschinen, den Fernbedienungen und den meterhoch gestapelten Videokassetten, mit denen der Künstler seine Ode an die analoge Technologie instrumentiert.

 Badezimmergrün gestrichen ist eine Wand in dieser Stätte mit niedriger gelochter Decke, die gegenüberliegende ist mit Spiegelkacheln beklebt, die Achtzigerjahre-Flair verströmen. Und es riecht: Nach Staub, Metall, nach Lötverbindungen – eine Mischung, die genauso vergangen ist wie der Radioreparatur-Service um die Ecke. Aber Liefland wäre eben nur Sammler, wenn er diese Zeitzeugnisse nicht weiterdenken würde. Was ihn als Künstler interessiert, ist nicht nur das Medien-Phänomen selbst, sagt Zybok, sondern auch dessen andauernde Transformation.

 Video Palace lautet der Titel seiner Serie von Installationen, die van Liefland 2002 begann und die er bis heute als „work in progress“ fortführt. Der Künstler benennt geradezu sinnlich die Vergänglichkeit dieser Technologie, die in den Siebzigern State of the Art war. Und er mag das Physische daran. „Wenn du einen Tag mit Videos hantierst“, sagt er im Interview, „wenn du sie aus der Box holst, wieder hineintust, dann sind deine Hände so schmutzig, als hättest du im Garten gearbeitet.“

 Groß geworden in der Vorstadt, sozialisiert mit Punk und durchlebten exzessiven Couch-Phasen und billigen Filmen, überführt van Liefland die heute als schmuddelig empfundenen Zeugnisse in den Kunstkontext, lässt artistische Stapel von VHS-Kassetten in Bronze abgießen oder scannt und vervielfältigt angejahrte Aufkleber, sodass ihr Subtext eingeschrieben bleibt. Daneben hängen sechs großformatige Bildersammlungen, die als Mindmaps assoziative Schleifen zwischen antiker Hochkultur und trivialer Science-Fiction-Ästhetik bilden. Man muss die Gedanken des russischen Philosophen Nikolai Fjodorow nicht kennen, auf die sich Liefland bezieht, wenn er die Verbindung zwischen Technik und Mystik beschwört. Seine Installation ist auch so ein Faszinosum, das den Besucher mit der Frage entlässt, was eigentlich von uns bleibt.

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