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Zulus, Tod und heiliger Broccoli

Ausstellung in Lübeck Zulus, Tod und heiliger Broccoli

Er gilt als zorniger Künstler, der sich an der Kolonialgeschichte abarbeitet: Der schottische Künstler Andrew Gilbert präsentiert an zwei Orten in Lübeck seinen wüsten Kunstkosmos.

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Andrew Gilbert verwurstet die Exotik der Expressionisten genauso wie Lidl-Tüten und Schlachtengemälde.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Lübeck. Lübeck. Der Ruf eines rebellischen Schotten, der sich an der europäischen Kolonialgeschichte, insbesondere der britischen, abarbeitet, eilt Andrew Gilbert voraus. Jetzt steht der 35-Jährige etwas bleich vor dem Pavillon der Lübecker Overbeck-Gesellschaft und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Ganz in Schwarz, in langem Tuchmantel, intensiv blickende blaue Augen, erzählt er wenig später in aller Besonnenheit, warum seine Acrylbilder, die gleichzeitig Zeichnungen und Aquarelle sind, seine Installationen und Figurengruppen Zulukrieger mit Wundmalen zeigen, sterbende Sklaven, die durchbohrt von deutschen Säbeln vor ihren Hütten liegen, warum er Broccoli so hasst und wie er dazu kommt, Emil Noldes Kreuzigung und den britischen Schauspieler Michael Caine auf einem Bild zu verwursten.

 Das alles klingt genauso wüst, wie es in Gilberts überbordend narrativen Papierarbeiten und begehbar inszenierten Räumen aussieht. Aber der Schotte, der seit 2002 in Berlin lebt und in Edinburgh studiert hat, lässt hinter seinen obsessiven und bisweilen kruden Gewaltfantasien mit pornografischem Einschlag keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Botschaft. Deshalb bat ihn die Tate Britain in London auch um Beiträge für ihre aktuelle Ausstellung Artist and Empire gebeten, die danach fragt, welche Auswirkungen britische Kolonialgeschichte bis heute hat.

 Andrew Gilbert ist ja kein Historienmaler, beugt Oliver Zybok, Direktor der Overbeck-Gesellschaft, Missverständnissen vor. Gilbert, sagt Zybok, schaffe in seinem wilden Kosmos den Sprung in die Jetztzeit. Und er werfe dadurch die Frage auf, warum eigentlich über die Ursachen heutiger Konfliktherde kaum gesprochen werde.

 Fragen, die auch Bernd Schwarze, Pastor von St. Petri in Lübeck, umtreiben, der sich entschlossen hat, in der Kunstkirche einen Teil der Ausstellung zu zeigen. Damit beginnt die Overbeck-Gesellschaft eine Kooperation, die künftig in zwei gemeinsame Projekte münden soll. In dem schmucklosen weißen gotischen Kirchenraum lässt Gilbert einen Zug von Rotröcken mit Tropenhelmen auf einen Zulu-Altar zumarschieren. Kein leichter Tobak in einem Andachtsraum, meint Pastor Schwarze, aber sei die Bemächtigung anderer Kulturen nicht auch im Christentum gelebte Praxis gewesen?

 Dergestalt nachdenklich geworden, erweist sich Andrew Gilberts wahnwitziger Weltentwurf als durchlässiges, bisweilen auch sehr amüsantes Konstrukt, in dem der Künstler sich selbst verschiedene Rollen zuweist. Mal ist er bitterböser Moritatenerzähler, mal spickt er seine Kolonialszenen mit derbem Monty-Python-Humor, dann wieder wird er niederschmetternd heutig, wenn er einer afrikanischen Fetischfigur eine knallgelben Lidl-Tüte in die Hand drückt.

 „Warum müssen wir eigentlich alle mit unserem Schrott überziehen? Und ist unser Scheiß-Supermarkt-Broccoli denn so heilig, dass er in alle Welt muss?“ – Da ist er wieder der rebellische Schotte, der nicht nur mit den Briten ein Hühnchen zu rupfen hat.

Ausstellungseröffnung Sonntag, 28. Februar. www.overbeck-gesellschaft.de

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