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Ulrike Maack inszeniert am Schauspiel Kiel Simon Stephens' "Blindlings" Zurück im Stockport-Kosmos

Vor der Premiere: Ulrike Maack inszeniert Simon Stephens‘ „Blindlings“ am Kieler Schauspiel

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„Blindlings“ ist das fünfte Stück des Briten Simon Stephens, das Ulrike Maack für das Kieler Schauspiel inszeniert.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel . Kiel. Was treibt eine Frau, ihr Kind zu töten? Was bedeutet es, mit 16 schwanger zu werden? Wenn man gerade erst auf dem Sprung ist ins Leben? „Cathy ist lebensgierig, wild, die will raus aus Stockport, aus der Enge“, sagt Ulrike Maack über die Figur, die der Motor ist in Simon Stephens‘ Blindlings. Eine junge Frau, die mit der Mutter und der kleinen Tochter lebt und sich müht, die Schule zu Ende zu bringen, bis ihr John über den Weg läuft. Der steigt gern in fremde Häuser ein und macht ihre Welt plötzlich weiter.

 Blindlings ist das fünfte Stück des britischen Dramatikers, das die mittlerweile von Hamburg nach Berlin gezogene Regisseurin am Kieler Schauspiel inszeniert, erstmals in deutscher Erstaufführung. 2014 uraufgeführt und eine von den Kleine-Leute-Geschichten in Stockport im englischen Kohlenpott bei Manchester, wo Stephens (Jahrgang 1971) aufgewachsen ist.

 „Mich interessiert dieser Stockport-Kosmos“, sagt Ulrike Maack, die in der Lüneburger Heide aufgewachsen ist, „ich kenne die Provinz, diese Sehnsucht nach mehr, darüber hinauszugehen, was die anderen vorleben.“ Die Figuren in Port, Punk Rock oder Am Strand der weiten Welt erzählen davon – ein bisschen wie bei Tschechow, Stephens‘ erklärtem Lieblingsautor. „Ich gebe keine Antworten; ich stelle Fragen“, sagt der Brite über seine Stücke.

 „Wenn man so kontinuierlich einen Autor inszeniert, kann er einem über die Texte sehr nahe kommen“, sagt Ulrike Maack. „Und die Stücke haben sich entwickelt, seit ich 2005 Port inszeniert habe, sind radikaler geworden.“ Eine Herausforderung sind diese scheinbar kleinen, alltäglichen Geschichten mit ihren jugendlichen Helden für die Regisseurin und ihre Schauspieler: „Ich finde diesen Realismus ungeheuer schwer umzusetzen. Die Emotionen zu greifen, ohne zu psychologisch zu werden.“

 Auch das Spiel mit den Meta-Ebenen reizt Ulrike Maack, die Spannung zwischen dem Medea-Mythos und der politischen Folie, vor der sich das Drama entfaltet: Im Abstand von 16 Jahren und an zwei Wendepunkten in Großbritanniens jüngerer Geschichte hat Stephens die zwei Teile verortet. 1979, kurz vor der Wahl Margaret Thatchers zur Premierministerin, und 1997, als Tony Blair die Ära der Eisernen Lady mit ihrem brachialen Kapitalismus beendete.

 „Für mich sind das zwei gescheiterte Emanzipationsgeschichten“, sagt sie, „erst misslingt Cathys Versuch, auszubrechen. Dann holt sie auf der Isle of Man die Vergangenheit ein.“ Aber es geht auch um Heimat, um Generationen, um Klasse in Blindlings. „Das Stück bietet unglaublich viel Material“, sagt die Regisseurin. „Und am Ende bleibt der reale Kern von Menschen, die sich auseinandersetzen.“

 Das Politische spielt Maack dabei „nicht übermäßig“ aus. Eher schon wird es sichtbar im Bühnenbild, das Wilfried Minks entworfen hat. Ein offener Raum, der mit Verweisen arbeitet und in dem die Grenzen zwischen draußen und drinnen verfließen. „Er hat ein großes Gespür für die Raumspannung, die das jeweilige Stück braucht“, sagt Ulrike Maack über den Bühnenbildner und einstigen Peter-Zadek-Weggefährten, der auch ihr Ehemann ist und mit dem sie vor zwei Jahren Andres Veiels Himbeerreich in Kiel inszenierte. Eine Zusammenarbeit, die sie lange vermieden hat und mittlerweile genießt: „Sie ist einfach Teil eines Gesprächs über Theater, das wir seit 30 Jahren kontinuierlich führen.“

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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