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Vascos Wiederentdeckung

Deutsche Oper Berlin Vascos Wiederentdeckung

„Mache großer Gott, daß der succès von Vasco so glänzend sei, daß er meine alten Tage mit Ruhm und Freude erfülle und meinen Namen mit Ruhm auf die Nachwelt bringe,“ wünschte sich der in Berlin geborene Giacomo Meyerbeer, alias Meyer Beer, in seinem „Täglichen Gebeth“ im Dezember 1863.

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Eine Szene aus Meyerbeers Vasco da Gama.

Quelle: Bettina Stoess

Berlin. Dieser Wunsch aber sollte sich nicht erfüllen, denn er starb bereits wenige Monate später. Er hinterließ zwar die autografe Partitur des „Vasco de Gama“ (so der französische Titel) mit vielen Gesangsnummern in mehrfachen Versionen, aber eben keine endgültige Fassung. Unter dem Titel „L'Africaine“ wurde die Oper in der Bearbeitung von dem Musikwissenschaftler François Fétis dann jedoch für viele Jahre ein großer Erfolg. Im 20. Jahrhundert aber fiel die „Afrikanerin“, wie auch alle anderen Grand Opéras von Meyerbeer, einem veränderten Zeitgeschmack zum Opfer.

 Erst jetzt, anderthalb Jahrhunderte nach Meyerbeers Tod, besinnt sich die Musikwelt der als unvollendet hinterlassenen Materialien und versucht, den Intentionen des Komponisten gerecht zu werden. So kam es 2013 (!) in Chemnitz zur Uraufführung des „Vasco da Gama“, der jetzt auch an der Deutschen Oper Berlin im Rahmen eines geplanten Meyerbeer-Zyklus gegeben wird. Roberto Alagna, der die Titelrolle übernommen hat, ist sich sicher, dass Meyerbeer, hätte er die Uraufführung erlebt, „noch viel gestrafft und bestimmt nicht jede seiner Skizzen verwendet hätte. Ein paar Kürzungen hätten dem Werk sicher gut getan.“ Damit ist er wohl auf taube Ohren gestoßen, denn die Oper hat an der Deutschen Oper eine Länge von fünf Stunden.

 Vera Nemirova, die u. a. in Frankfurt mit Wagners „Ring des Nibelungen“ und in Bonn mit dem „Tristan“ große Erfolge einfahren konnte, kommt in allen fünf Akten des „Vasco da Gama“ mit einem riesigen, aufklappbaren, die Landkarte von Afrika und Indien zeigenden Halbkreis und sechs verstellbaren Halbbögen aus (Bühnenbild: Jens Kilian). Damit schafft sie, durch jeweils verschiedene Lichteffekte, die Illusion einer Palastkuppel, eines Kerkers oder Segelschiffes. Überaus poetisch hat Vera Nemirova den Liebestod der von Vasco enttäuschten, indischen Königin Selika gestaltet: Die unglücklich Liebende, zutiefst Verzweifelte liegt unter einem tödliches Gift ausströmenden Manzanillo-Baum während ein Meer von roten Blütenblättern herabschwebt. Bei den großen Tableaus aber hat sie so ihre Schwierigkeiten – da wirkt Manches ungeschickt und gelegentlich auch ungewollt komisch, wie etwa das Finale des dritten Aktes, wenn die indischen Krieger das zerschellte Schiff stürmen und martialisch mit roten Speeren herumfuchteln. Das Publikum quittierte das mir Buhs und Gelächter.

 Meyerbeer war sich der Bedeutung der Tenorrolle durchaus bewusst und meinte, dass „von deren Darstellung ein bedeutender Teil des Erfolges abhängt.“ Die Deutsche Oper hatte da mit dem Startenor Roberto Alagna bestens vorgesorgt. Obwohl er wegen einer hartnäckigen Erkältung nicht sein Bestes geben konnte, war er ein hinreißender Vasco, dessen große Arie im vierten Akt „Ô doux climat“ (Fetis-Version: „Ô paradis“) durch ihn zu einem der musikalischen Höhepunkte der Aufführung wurde. Der ruhmsüchtige, nach Unsterblichkeit strebende Egomane Vasco wird von Alagna blendend charakterisiert. Die beiden in ihn verliebten Frauen Ines und Selica sind mit Nino Machaidze (Sopran) und Sophie Koch (Mezzosopran) exzellent besetzt. Letztere gestaltet den Liebestod der indischen Königin mit wahrhaft herzergreifendem Gesang – in rauschhaftem Gedenken an den Geliebten hat sie die Vision einer Liebesnacht (Video: Marcus Richardt).

 Der in ungewöhnlich großer Anzahl auftretende Chor und das Orchester der Deutschen Oper Berlin bewältigen ihre schwierige Aufgabe alles in allem mit beachtlichem Erfolg. Und wenn sich die Oper manchmal als etwas langatmig erweist, dann ist das nicht nur der Fassung sondern auch dem Dirigat von Enrique Mazzola anzulasten. Ihm wollen die großen Spannungsbögen und dramatischen Zuspitzungen nicht immer optimal gelingen. Langanhaltender, freundlicher Applaus für alle Mitwirkenden, deutliche Buhs für das Regieteam.

  www.deutscheoperberlin.de

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