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Spannende Reise, große Pläne

Musiktage Hitzacker Spannende Reise, große Pläne

Die „Sommerlichen Musiktage Hitzacker“, das älteste Kammermusik-Festival Deutschlands, das 1946 von musikhungrigen Flüchtlingen gegründet wurde, zeigt auch auf der Schwelle zum achten Lebensjahrzehnt keinerlei Alterserscheinungen. Ganz im Gegenteil: Die „Sommerlichen“ sind so vital und attraktiv wie eh und je.

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Kompromisslose Gangart

Spielen Quartett zusammen, seit sie 14 Jahre alt waren: Jana Kuss vom Kuss Quartett und Oliver Wille, der neue Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker.

Quelle: Kay Christian Heyne

Hitzacker. Die "Sommerlichen" locken Musikfreunde aus Nah und Fern in das kleine Städtchen an der Elbe, dessen malerische Lage den richtigen poetischen Rahmen für ein so intimes Festival abgibt. Der Blick vom Weinberg auf das von der Jeetzel und Elbe umflossene Hitzacker oder über die Elbtalaue bis tief hinein nach Mecklenburg ist zauberhaft – dem Liebreiz dieser traumhaft schönen Landschaft kann sich wohl niemand entziehen.

   In diesem Jahr, dem 70. Geburtstag der „Sommerlichen“, hat ein neues Führungsduo das Festival einer abermaligen Verjüngungskur unterzogen. Oliver Wille, der neue Intendant, und Christian Strehk, der neue Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Sommerlichen Musiktage, zeichnen verantwortlich für ein Programm, das über neun Tage das Herz eines jeden Kammermusik-Freundes höher schlagen lassen kann. Ganz bewusst werden innovative Wege eingeschlagen, um dem Publikum moderne Werke zu präsentieren und gleichzeitig auch einen neuen, unerwarteten Zugang zu altbekannten, vertrauten Meisterwerken zu ermöglichen. Schon nach den ersten Konzerten zeigt es sich, dass Oliver Wille, der übrigens Kammermusik-Professor an der Musikhochschule Hannover ist, ein ausgesprochen gutes Händchen für die Zusammenstellung eines auf- und anregenden Programms hat.

   So hat er Joseph Haydns Streichquartett „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ modernen Kompositionen von dem Ungarn György Kurtág und den Engländern Harrison Birtwistle und Thomas Adès auf eindrucksvolle Weise gegenüber gestellt: Daraus ergaben sich scharfe Kontraste, die dem lieben „Papa Haydn“ äußerst gut taten und auch den drei Komponisten des 21. Jahrhunderts in aufregendem, hoch interessanten Licht erscheinen ließen. Das Kuss Quartett, dessen zweiter Geiger Oliver Wille ist, spielte dieses Programm mit einer geradezu bekenntnishaften Besessenheit und nahm so das Publikum mit auf eine abenteuerliche, aber doch sehr lohnende Reise in weitgehend unbekannte Kammermusik-Welten. Wo sonst könnte man Zuhörer mit einer derart anspruchsvollen Collage begeistern!? Aus jedem Werk hatte man die zueinander passenden und sich gegenseitig ergänzenden Stücke ausgesucht und miteinander verbunden, spielte also keines der Werke komplett – ein faszinierendes Plädoyer für das Zusammenwirken und die gegenseitige Befruchtung von Alt und Neu.

   Der gesamte nächste Tag war Franz Schubert gewidmet. Mit Vorträgen von Michael Stegemann, einem Kammerkonzert „Schubert auf dem Hügel“, der Aufführung seines Streichquintetts und dem „Schubert trifft ... Reimann“ betitelten Abendkonzert wurde der große Komponist aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Hier ließ man aber nicht, wie Strehk formuliert, das „Fähnchen im Mainstream flattern“, sondern versuchte durch die Gegenüberstellung von Schubert- und Reimann-Liedern „neue Anreize zum Staunen“ zu geben. Wer sich allerdings nicht gründlich mit den von Aribert Reimann vertonten Shakespeare-Sonetten und den in französischer Sprache geschriebenen „Cinq fragments français de R. M. Rilke“ beschäftigt hatte, konnte mit den Liedern wenig anfangen. Eine Übersetzung wäre gewiss hilfreich gewesen.

    Der Höhepunkt dieses Schubert-Tages aber war zweifellos die Aufführung des C-Dur Streichquintetts durch das Kuss Quartett und den Cellisten Miklós Perényi. Oliver Wille wünscht sich nach eigener Aussage, dass ein Publikum bei einem vermeintlich bekannten Stück „vor Neugier auf der Stuhlkante sitzt und ganz gespannt ist, was die Musiker in jedem Moment machen“. Diesem Ziel sind die fünf Künstler mit einer spieltechnisch makellosen, tief empfundenen Interpretation des Quintetts auf beglückende Weise sehr nahe gekommen. Mit Sensibilität für die feinsten und allerfeinsten Nuancen und einem untrüglichen Gespür für Dynamik und Proportionen breiteten sie die „himmlischen Länge“ des einstündigen Quintetts aus und verwandelte sie in magisch-poetische Unendlichkeit, die die Zeit zum Stillstand brachte.

   Der Auftakt der diesjährigen „Sommerlichen Musiktage Hitzacker“ hätte für das Leitungsduo Wille/Strehk kaum positiver ausfallen können. In den nächsten Tagen stehen dem Publikum noch viele spannende Konzerte mit großen Künstlern wie dem jungen Shootingstar Igor Levit, dem Mandoline-Virtuosen Avi Avital oder dem französischen Starpianisten Pierre-Laurent Aimard bevor.

Die „Sommerlichen Musiktage Hitzacker“ enden am Sonntag, dem 7. August. Kartenvorverkauf: Tel. 0 58 62 / 941 430.

www.musiktage-hitzacker.de  

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