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Leuchtkraft und Innigkeit

Saisonstart in Seebüll Leuchtkraft und Innigkeit

Am 1. März ist Saisonstart in Seebüll: Die 60. Jahresausstellung der Nolde-Stiftung widmet sich dem Spätwerk und lässt die Farben des expressionistischen Malers strahlen. 

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Christian Ring, Direktor der Nolde-Stiftung, macht in dem reichen Bestand immer wieder Entdeckungen.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Seebüll. Seebüll. Die Sonne lässt Schilf und trockene Gräser auf den Marschen rund um Seebüll leuchten. – Man hat schon wintermüdere Gesichter gesehen auf dem Hof der Nolde-Stiftung. Mit sichtlicher Vorfreude auf die heute beginnende Saison führt Direktor Christian Ring durch die Ausstellung im Atelierhaus. Die 60. Jahresausstellung widmet sich dem Spätwerk des expressionistischen Malers, das nach Rings Einschätzung bisher unterschätzt sei.

 Doch bevor man eintaucht in farbsüchtige Gemälde wie Glühender Abendhimmel (1945) oder das blütensatte Kalendula und weiße Dahlien (1951) versorgt Christian Ring mit Zahlen und Neuigkeiten. Mit einem Plus von 4056 Gästen habe man 2015 die Besucherzahlen nach längerer Stagnation wieder steigern können, so Ring. In der zurückliegenden Saison kamen 62453 Menschen, was man auch dem neuen Marketingkonzept zuschreiben könne, das die Erlebnisqualität Seebülls noch stärker in den Fokus rücke. Reagiert wurde zudem auf die von vielen Besuchern zu Recht kritisierten müden Lichtverhältnisse im Atelierhaus. Jetzt sorgt ein dezentes Leuchtensystem nach modernstem LED-Standard für individuelle Ausleuchtung und tatsächlich strahlende Nolde-Farben.

 Mehr Licht bringt die Stiftung auch in Noldes Verhältnis zum Nationalsozialismus. Erst seit 2013 habe man damit begonnen, die Archive gänzlich zu öffnen, sagt Christian Ring, der von „Fehleinschätzungen und Problemen in der Vergangenheit“ spricht. Inzwischen sei wissenschaftlich belegt, dass Nolde auch nach 1941, als ihm Ausstellungs- und Malverbot erteilt wurde, seine sympathisierende Haltung gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern nicht änderte. Er blieb Parteimitglied und versuchte wiederholt, an entscheidender Stelle die Aufhebung des Berufsverbots zu erreichen. Zuletzt im Februar 1944.

 Christian Ring thematisiert Noldes Haltung auch im Besucherzentrum, wo Briefwechsel in zwei Vitrinen seine Gesinnung und Anhängerschaft deutlich machen. Im kommenden Jahr soll der aktuelle Forschungsstand publiziert werden. „Ich glaube, wir gehen damit offen und transparent um“, sagt Ring, „und ordnen Nolde auch in ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte ein – auch in die von Nordfriesland.“

 Dazu passt es, im 60. Jahr das Spätwerk in den Blick zu nehmen, das Ring zwischen 1940 und dem Todesjahr 1956 verortet und als „ruhig und extrem entspannt“ charakterisiert. Das Aufgeregte des Expressionismus mache einer Intimität in den Figurenbildern Platz, meint Ring, der im Bildersaal mit sieben Gemälden aufwartet, die in Seebüll noch nie zu sehen waren. Darunter gewohnt Anfechtbares, aber auch Überraschendes, vor allem in den späten Figurenbildern, denen Ring stärkere Intimität und Seelentiefe attestiert. In den Kabinetten werden in Petersburger Hängung viele jener Aquarelle und „Ungemalten Bilder“ ausgebreitet, die Nolde als Vorlage für seine späten Gemälde dienten.

 Wiederholung und Rückwärtsgewandtheit seien nicht selten typisch für künstlerische Spätwerke, so Ring. Ja, auch Nolde sei sich selbst treu geblieben. Aber Ring entdeckt in dieser Treue sich selbst gegenüber eine Wandlung ins Epische, zuweilen sogar Romantische. Nur die „Angebrannten Bilder“ in der Ausstellung – gerettete Holzschnitte aus Noldes Berliner Atelier, das am 15. Februar 1944 nach einem Bombentreffer abbrannte – erzählen als seltsam stumme Zeugen vom Krieg. Ansonsten: leuchtende Blumenpracht, in Freundschaft verbundene Menschen und geduckte Reetdächer unter dem Nolde-Himmel.

www.nolde-stiftung.de

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