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Mozarts Così: Zeitlos und wahr

Deutsche Oper Berlin Mozarts Così: Zeitlos und wahr

An Unwahrscheinlichkeiten wimmelt es ja nur so in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Così fan tutte“: Dass es hier aber nicht um Realismus, sondern um die Erkundung des eigenen Selbst geht, das aufzuzeigen ist das Anliegen von Robert Borgmanns Neuinszenierung von Mozarts Meisterwerk für die Deutsche Oper Berlin.

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Raumgreifende Wortkunst

Die Sängerinnen Nicole Car (als Fiordiligi) und Stephanie Lauricella (als Dorabella) in der Deutschen Oper Berlin.

Quelle: dpa

Berlin. Während der Ouvertüre steht in großen Lettern „Youth“ auf einem Vorhang, der zu Beginn der Handlung fällt, rechts auf der Bühne sitzen Leute, die das Geschehen aufmerksam verfolgen, eine Frau kommt und geht, ebenso ein kleines Mädchen. Sind das Mutter und Tochter oder zwei Generationen? Die Frage bleibt offen, bis zum Schluss, wenn beide wieder auftreten. Dann aber steht wieder „Youth“ auf dem Vorhang, diesmal jedoch spiegelbildlich – die Botschaft ist klar: alle haben ihre Erfahrungen mit sich und der Liebe gemacht, sind reifer geworden, sind womöglich vor sich selber erschrocken. Und dass der Zuschauer mit einbezogen wird in diesen Selbsterkennungs-prozess, dafür sorgen das zeitlich und sozial völlig offene Bühnenbild und die Kostüme. Grelles Magenta und Quietschgelb herrschen vor, nicht nur bei den Kleidern der beiden Liebespaare, sondern auch bei allerlei Tüchern. Die Landschaft im Hintergrund ist ständigem, manchmal kaum wahrnehmbarem Wechsel unterworfen, aus grüner Wiese wird ein trostloser Berg im Winter, aus ungemein poetischer Blumenwiese eine bedrohliche Industrielandschaft und vieles mehr. Und vor diesen Landschaften hat Robert Borgmann, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, eine hässlich anzusehende Ölpumpe in Aktion, einen Kronleuchter, Stellagen der verschiedensten Art, Spiegel in allerlei Größen und einiges mehr aufgebaut. Das alles ist auf der Drehbühne in ständiger, wenn auch langsamer Bewegung. Dadurch, dass die Leute, die zunächst wie Zuschauer aussahen, immer mal wieder auf die Bühne gehen und dadurch, dass ihre Gesichter in Großformat ohne erkennbaren Grund auf die Bühne projiziert werden, entsteht eine Verwirrung, die die Frage nach den jeweiligen Identitäten irrelevant macht. Und da genau das intendiert ist, erscheinen uns die Verkleidungsszenen überhaupt nicht mehr seltsam und schon gar nicht absurd.

 Donald Runnicles, seit 2009 GMD der Deutschen Oper Berlin, hat das richtige Händchen für diese an musikalischen Wundern so reiche Partitur. Phantastisch, wie er dynamische Abstufungen beachtet, lyrische Feinheiten herausarbeitet und das Orchester der Deutschen Oper zu ebenso humorvollem wie spirituellem Musizieren animiert! Die noch recht junge Nicole Car ist eine Fiordiligi von Format, die ihre Gewissenskonflikte leidenschaftlich durchlebt. So schwer muss es sich Stephanie Lauricella als Dorabella nicht machen: Sie schenkt ihrem Verführer nicht nur ihr Herz, sondern geht gleich bis zum Äußersten. John Chest (Guglielmo) und Paolo Fanale (Ferrando) sind beeindruckende Liebhaber, die auch stimmlich Hervorragendes zu bieten haben. Dass Despina eine hardcore Domina ist, die in schwarzem Lederoutfit auf Don Alfonso (Noel Bouley) reitet und ihm mit der Peitsche Lust verschafft, gibt der Inszenierung einen zusätzlichen Reiz. Alexandra Hutton verbindet diese für eine pfiffige Kammerzofe wie Despina doch wohl ungewöhnlichen Sexualpraktiken mit so charmantem Gesang, dass das begeisterte Premierenpublikum mit Szenenapplaus wahrlich nicht gegeizt hat!

www.deutscheoperberlin.de

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