25 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Das Glück historischer Experimente

Hamburger Ratsmusik Das Glück historischer Experimente

Die Gambistin Simone Eckert ist mit ihrer Hamburger Ratsmusik eine feste Größe in der Alte-Musik-Szene. Zum 25-jährigen Jubiläum wird das mit einem Echo-Klassik preisgekrönte Ensemble am Sonntag die Gottorfer Hofmusik bereichern und beim SHMF zu hören sein.

Schlossinsel Schleswig 54.510528 9.541607
Google Map of 54.510528,9.541607
Schlossinsel Schleswig Mehr Infos
Nächster Artikel
Moderne Spielarten des Blues

Hamburger Ratsmusik Simone Eckert (Viola da gamba) Ulrich Wedemeier (Gitarre) Michael Fuerst (Cembalo)

Quelle: Justin Winz

Schleswig. Frau Eckert, Sie sollen sich schon mit acht Jahren darauf festgelegt haben, Gambistin werden zu wollen. Wie kann denn so etwas passieren?

 Mir hat eine pfiffige Blockflötenlehrerin eine Gambe in die Hand gedrückt – und das war’s dann. Das war die Offenbarung. Mir wurde zwar noch versprochen, dass ich, wenn ich größer sei, noch Cello lernen könne. Aber ich habe bald entdeckt, dass die Gambe ein eigenes Repertoire hat und für sich interessant ist.

 

 Sie haben in Basel studiert. Gab es dort prägende Lehrer oder war das damals noch eher ein gemeinsames Entdecken, was mit der Viola da gamba alles möglich ist?

 Eigentlich beides. Denn es gab dort phantastische Spezialisten für alle möglichen Instrumente der frühen Musikgeschichte. Und es waren dann gar nicht so sehr meine Instrumentallehrer, die mich geprägt haben. Wichtiger war der Kammermusik-Unterricht bei Johann Sonnleitner oder das Arbeiten mit Sängern wie Kurt Widmer. Historische Satzlehre und das Komponieren wäre auch zu nennen: Vom frühen Organum bis hin zur Polyphonie alles selber auszuprobieren war das Entscheidende.

 

 Mit der Hamburger Ratsmusik sind Sie ja seit 25 Jahren auf Entdeckungsreise in den Archiven. Wie darf man sich den Vorgang des kreativen Aneignens von Historischem konkret vorstellen?

 Mehrgleisig. Zum einen habe ich schon in Studienzeiten Kubikmeter von Material zusammenkopiert, häufig von Mikrofilmen. Dadurch habe ich ein großes eigenes Archiv, aus dem ich immer noch schöpfen kann. Und zum zweiten ist ja schon sehr viel digitalisiert, was in Bibliotheken liegt. Für mich unerschöpflich sind außerdem kluge Dissertationen von fleißigen Musikwissenschaftlern. Da stecken oft gute Tipps drin.

 

 Und probieren Sie dann die Fundsachen alleine oder mit dem Ensemble aus?

 Erstmal schreibe ich es ab und ediere das. Das ist eine mühselige Arbeit am Computer. Aber sie gibt mir das Gefühl: Das Stück ist für mich geschrieben worden. Dabei merke ich schon, ob es mich „anspringt“. Und dann probieren wir es im Ensemble aus.

 

 Welche Rolle spielt dabei dann die Improvisation von Auszierungen?

 Eine wichtige Rolle, aber erst in der weiteren Arbeit. Erstmal muss das Gerüst stehen. Und je häufiger und sicherer wir das musizieren,umso mehr kommen die improvisatorischen Elemente hinzu, Verzierungen, Tempowechsel etc. Wer immer improvisiert, sind natürlich die Generalbass-Spieler. Für mich ist es dabei immer wichtig, diesen entstehenden Generalbass mitzudenken, weil er in die Interpretation aller Beteiligten einfließt – etwa bei der Dissonanzbehandlung und der Zielrichtung ihrer Auflösungen.

 

 Sie sind speziell für die Gottorfer Hofmusik jetzt wieder dem herzöglichen Hofkapellmeister Johann Theile auf der Spur.

 Ja, der interessiert mich schon ganz lange. Jetzt kam die entsprechende Anregung durch Dorothee Mields hinzu. Und so habe ich alle vier Theile-Kantaten zusammengesucht, die für Sopran solo mit kleiner Streicherbesetzung sind. Drumherum rankt sich das Programm. Sehr froh bin ich über die Entdeckung von Streichersonaten von Gregor Zuber, den kein Mensch kennt, der aber auch auf Gottorf und später in Lübeck gewirkt hat. Dabei begegnet immer die Kombination von Geigen und Gamben. Jeder Musiker jener Zeit beherrschte beide. Die waren ja nicht so spezialisiert wie wir heute.

 

 Und wie ist die Überlieferung?

 Als ich mit dem Theile-Projekt begann, musste ich noch für teures Geld Kopien im schwedischen Uppsala anfertigen lassen. Inzwischen sind die aber auch schon digitalisiert im Netz zugänglich. Die Zuber-Suiten hat mir ein findiger Musikwissenschaftler zur Verfügung gestellt.

 

 Sie wechseln je nach Repertoire die Besetzungsstärke der Ratsmusik. Gibt es da persönliche Vorlieben?

 Das geht los mit der Besetzung Gambe / Laute. Das liebe ich sehr, weil es seit 25 Jahren mit Ulrich Wedemeier die Kernbesetzung der Ratsmusik darstellt. Da steckt so viel Erfahrung drin. Und ein riesiges Repertoire. Alles was dazukommt, ist immer wieder Abenteuer. Zum Beispiel für das SHMF im Sommer: Da spiele ich Gambe oder Baryton – und dazu kommen Streicher und zwei Hörner. Das ist schon in der Klangfarbe ganz anders, spannend und beglückend neu.

 

 Das Streichinstrument Baryton spielt beim SHMF-Schwerpunkt-Komponisten eine konkrete Rolle.

 Das Originalinstrument des Fürsten Nikolaus von Esterhazy liegt in Budapest im Nationalmuseum. Ich besitze davon eine detailgetreue Kopie. Ein Klangerlebnis!

 

 Welche Rolle spielen denn verschiedene Gamben-Instrumente in ihrer Konzerttätigkeit?

 Ich habe inzwischen einen Bestand von Originalinstrumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Da kann ich gut auf das jeweils Passende zurückgreifen. Aber ich experimentiere auch gerne. Außerdem haben wir uns in jüngerer Zeit auch ein Renaissance-Instrumentarium für die ganz frühe Musik erschlossen. Damit reicht das Repertoire jetzt von 1400 bis 1820. Das kann uns kein Pianist nachmachen.

 

 Gibt es denn nach wie vor auch zeitgenössische Komponisten, die sich für die Gambe interessieren?

 Auch das haben wir intensiv verfolgt. Das ist aber ein Arbeitsfeld, was unglaublich viel Zeit beansprucht. Deswegen schlummert das derzeit etwas in der Schublade. Aber vor etwa zehn Jahren haben wir die Ligeti-Schüler in Hamburg für Gamben-Kompositionen begeistern können – im Geiste des Meisters, der ja auch mit Cembalo experimentiert hatte. Da ist tolle Musik entstanden.

 

 Sie werden die Gottorfer Theile-Kantaten mit Dorothee Mields auf CD dokumentieren. Wenn Sie jetzt auf die 25 Jahre zurückblicken, was waren für Sie die zentralen Meilensteine in der Ensemblehistorie?

 Eigentlich ist jede CD wie eine Geburt, mit viel Vorlauf und wichtig für das Ensemble. Aber wahrscheinlich war das Instrumentalrepertoire um Dietrich Buxtehude der wichtigste Meilenstein, auch weil es dafür 2006 den Echo Klassik Preis gegeben hat. Vom Erkenntnisgewinn waren diese „Lübecker Virtuosen“ eine der wichtigeren CDs. Es erschließt sich dadurch eine Welt, wenn man thematisch mal in einem engen Rahmen gräbt. Es zeigte sich, dass nicht nur die dortige Geiger-Schule einen besonderen Rang hatte, sondern auch die Lübecker Gambisten hochvirtuos waren.

 

 Sie hatten vor etwa fünfzehn Jahren auch schon einmal den Gottorfer Schütz-Schüler Theile im Fokus.

 Genau. Es wird jetzt auch etwas aus dem damaligen Repertorie wieder aufgenommen, aber wir sind inzwischen viel weiter und können das jetzt besser darstellen.

 

 Sie sehen also selber eine spieltechnische und stilistische Entwicklung in der Geschichte der Hamburger Ratsmusik?

 Unbedingt. Das hat experimentell angefangen und vertieft sich. Man kommt weiter – durch Erfahrung und Dranbleiben.

 

 Die Gambe wirkt wie ein besonders sangesfreudiges Instrument. Welche Rolle spielt die barocke Belcanto-Tradition für Ihr Spiel?

 Eine zentrale. Das geht ja los mit der barocken Idee, dass die Musik dem Wort dient, alles der Lehre von der musikalischen Rhetorik folgt. Das fließt über die Artikulation, über die Figurenlehre bis hin zum Aufbau von Kompositionen mit ein.

 

 Und bei Johann Theile? Gibt es da eine speziell norddeutsche stilistische Prägung?

 Da spielen italienische Einflüsse aus der Monteverdi-Tradition heraus tatsächlich nur eine geringe Rolle. Er ist ja Schütz-Schüler mit der entsprechend knappen Wort-Ton-Rhetorik. Das dramatisch ausschweifende fehlt. Das ist alles sehr, sehr innig. Und ich finde es immer sehr bewegend, so etwas am Originalschauplatz spielen zu dürfen. Außerdem bleibt es mir besonders wichtig, die vergessene Musik unseres Landes zu präsentieren.

 

 Gottorfer Hofmusik: 8. Mai, 19 Uhr, Schlosskapelle, Werke des Gottorfer Hofkapellmeisters Johann Theile und von Christian Flor mit Dorothee Mields, Sopran. Karten: 04621 / 813 333 www.gottorfer-hofmusik.de

 SHMF: 19. August, 20 Uhr, Schloss Glücksburg und 20. August, 20 Uhr, St. Cyriacus-Kirche Kellinghusen. Werke für Viola da gamba oder Baryton von Joseph Haydn, Carl Stamitz, Franz Xaver Hammer und Andreas Lidl. Karten: 0431 / 23 70 70. www.shmf.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3