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Von Raum, Körper und Aura

Zwei Bildhauer im Kieler Atelierhaus Von Raum, Körper und Aura

Gegensätze im Raum: Die Hamburger Bildhauer Reinhold Engberding und Hanswerner Kirschmann zeigen im Atelierhaus, welche Spannung aus völlig unterschiedlichen Handschriften entstehen kann.

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Körperhafte Gebilde treffen auf nüchterne Setzungen im Raum: Reinhold Engberding (l.) und Hanswerner Kirschmann.

Quelle: Foto: Manuel Weber

Kiel. Kiel. Reinhold Engberding häkelt. Ausdauernd und unbelastet von allen Gender-Diskussionen, denn die findet der Hamburger Bildhauer herzlich langweilig. Durch ein Keramik-Studium Ende der Achtzigerjahre bei Johannes Gebhardt an der Muthesiusschule ist die Verbindung nach Schleswig-Holstein nicht abgerissen. So hat Engberding sich in regelmäßigen Abständen in der Landesschau des BBK blicken lassen und eine größere Ausstellung im Norden war eigentlich längst überfällig. Für seinen Auftritt im Atelierhaus im Anscharpark hat er sich den Künstlerkollegen Hanswerner Kirschmann an die Seite geholt, dessen bildhauerische Strenge einen idealen Kontrapunkt zu Engberdings eigenwilligen Raumskulpturen setzt.

 Schwarz oder allenfalls stumpfes Grau sind die Farben der überlebensgroßen Gebilde, die Reinhold Engberding aus schwarzem Häkelgarn wachsen lässt, die er in einem Zwischenschritt mit Erbsen oder Luftballons füllt und ihnen nach erfolgter Formwerdung schließlich mit Schellack, Leim oder Wachs die nötige Stabilität verleiht. Während des Produktionsprozesses, sagt der Künstler, habe er noch keine Vorstellung von der endgültigen Form. Die Größe ergebe sich nur durch das Materialkontingent und ein ziemlich strenges Konzept identischer Maschenzahl. Zwölf Knäule, die er zum Beispiel für die überlebensgroßen Raumskulpturen geduldig „verhäkelt“, können am Ende anthropomorphe Gestalt annehmen oder, wie in der Ausstellung im Gegenüber anschaulich wird, seltsam kompakt und tierhaft anmuten. Das Auratische, das untergründig Geheimnisvolle, zuweilen Lauernde verbindet die Arbeiten, denen Engberding jegliche nadelfleißige Heimeligkeit austreibt. Und es schlägt den Bogen zu den nüchtern wirkenden architektonischen Setzungen von Hanswerner Kirschmann, der seine ausladenden Raumkörper aus Spanplatte schlicht als Sockel begreift. Tragen sie doch an der Schmalseite – dem Blick des Betrachters zunächst verborgen – singuläre, aufgesetzte Formelemente aus Sperrholz, die laut Kirschmann nach einer bestimmten Grammatik aufgebaut sind.

 Was an dieser Stelle komplex klingt, zeigt sich in der Anschauung als spannungsvolle Setzung im Raum, deren Wirkung sich im Nebeneinander mit Engberdings seltsam verzogenen luftigen körperhaften Hüllen nur steigert. Für beide bildhauerischen Positionen erweist sich das Atelierhaus als geeigneter Ort.

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