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Die Hexenringe der Klangkünste

Chiffren: Kieler Tage für Neue Musik ab Donnerstag Die Hexenringe der Klangkünste

„Im Leben des Komponisten John Cage, dem Garanten für die Lust an künstlerischen Umwälzungen in der musikalischen Moderne, gab es eine im wahrsten Sinne bodenständige Kontinuität: das Sammeln von Pilzen“, stellt Friedrich Wedell amüsiert fest. Der künstlerische Leiter der „Kieler Tage für Neue Musik“ erklärt so das Motto von Chiffren 2016.

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Jugend als Zukunft: Das Chiffren Ensemble ist mit neugierigen musikalischen Talenten aus Schleswig-Holstein besetzt.

Quelle: Friedrich Wedell

Kiel. Das längst international bekannte Festival will vom 26. bis zum 29. Mai ganz im Geiste von Cages Spuren- und Sporensuche die fein verzweigten Wurzeln aufdecken, die gerade die post-post-moderne, zeitgenössische Klangkunst mit dem weiten Feld der Tradition wie Hexenringe verbindet. Jedes der vier geplanten Hauptkonzerte in der Halle 400 enthält Werke, die sich auf Vertrautes aus der Musikgeschichte rückbeziehen.

 Die unterschwelligen Pilzmyzele spielen beispielsweise in Christian W. Christensens Four Hyperrealistic songs for Quintet von 2014/15 mit, wenn der dänische Komponist Zitate so verdichtet, dass sie zwar im Geräuschhaften nicht wahrnehmbar, aber allemal vorhanden sind. Besonders gespannt ist Wedell im Eröffnungskonzert auf die Deutsche Erstaufführung des erst in diesem Jahr im finnischen Tampere erfolgreich uraufgeführten Avaruusrauniot (Space Ruins) von Kimmo Kuokkala. Der aus Kiel stammende Schlagzeuger Matthias Engler fusioniert dabei sein Ensemble Adapter mit dem Defunensemble Helsinki, um das meditativ sich ausbreitende Stück für tiefe Holzbläser, Harfe, Cello, Klavier Schlagzeug und Elektronik umzusetzen.

 Wenn der Luzerner Pianist Florian Hoelscher jüngste Werke von Bernhard Lang oder Alberto Posadas vorstellt, steckt schon im Titel Hammer beziehungsweise Erinnerungsspuren. Anklänge an Francois Couperin der Rückbezug auf Beethovens Hammerklaviersonate oder barocke Verzierungstechniken mit drin.

 Spektakulärer Höhepunkt des Festivals wird ganz sicher der Sonnabend-Beitrag des Ensemble Ascolta. Halbszenisch und mit ausgeklügelter Lichtregie wird Simon Steen-Andersens Inszenierte Nacht von 2012/13 gegeben, die zuletzt beim Aarhus-Festival faszinierte. Wie da mit großer Freiheit alte Musik wie Bachs Schlummert ein, ihr matten Augen aus der Solo-Kantate BWV 82 Ich habe genug abgründig ins Rutschen und Verdämmern gebracht wird, Schumanns Träumerei und Ravels Scarbo geheimnisvoll bespiegelt oder Mozarts Königin der Nacht zur Drag Queen verbogen wird, sei voller Ironie und Hintersinn, so Wedell.

 In der Matinee „Junge Musik“ führt der künstlerische Leiter zum Abschluss am Sonntagvormittag vielfältig „die beiden besten Jugendensembles für Neue Musik zusammen, die es in Deutschland gibt“: das hiesige Chiffren Ensemble und das Studio Musikfabrik aus Nordrhein-Westfalen. Dabei gibt es noch einen Kiel-Bezug: Johannes Harneit bearbeitete für die Fusion der beiden Ensembles eine große Choralfantasie für Orgel solo über Christ ist erstanden von Matthias Ronnefeld – dem ebenfalls viel zu früh verstorbenen Sohn des legendären Kieler Generalmusikdirektors Peter Ronnefeld.

 Im zehnten Jahr konnte die inzwischen sechste Biennale erst spät durch Siemens Musikstiftung (30000 Euro) finanziell abgesichert werden. Weitere Zuwendungen kommen vom Land (40000 Euro), der Landeshauptstadt (15000 Euro) sowie Feldtmann kulturell (10000 Euro für das Chiffren Ensemble), Zeit-Stiftung (5000 Euro) und Music Finnland.

  Die Chiffren-Termine:

 Donnerstag, 26. Mai

 19 Uhr, Halle 400 – Im Gespräch: Prof. Dieter Mack mit Christian Winther Christensen, Sami Klemola und Matthias Engler

 20 Uhr, Halle 400 – Doppelkonzert des defunensemble (Finnland) und Ensemble Adapter (Deutschland/Island) mit Werken von Kondo, Christensen, Skoglund, Saariaho und Kuokkala

 

 Freitag, 27. Mai

 18 Uhr, Halle 400 – Vortrag und Diskussion „Die Antiquiertheit der neuen Musik und ihre Zukunft“ von Dr. Christian Grüny von der TU Darmstadt

 20.30 Uhr, Halle 400 – Gesprächskonzert mit Florian Hoelscher, Klavier, und Werken von Stroppa, Lang und Posadas

 

 Samstag, 28. Mai

 10 Uhr, Kulturforum Stadtgalerie – Öffentliche Proben der Jugendensembles

 16 Uhr, Kulturforum – Autorenlesung: Norbert Niemann liest aus seinem Roman „Die Einzigen“

 19 Uhr, Halle 400 – Konzerteinführung von Dr. Friedrich Wedell

 20 Uhr, Halle 400 – Konzert mit dem Ensemble ascolta und Simon Steen-Andersens Performance „Inszenierte Nacht“

 

 Sonntag, 29. Mai

 11 Uhr, Halle 400 – Konzert 4 „Junge Musik”: Studio Musikfabrik zu Gast beim Chiffren Ensemble, Werke von Varèse, Gundmundsen-Holmgreen, Vivier, Hosokawa, Mack, Sciarrino, Ronnefeld

  Karten bei der Konzertkasse Streiber, Tel. 0431 / 91416, und an der Tages- bzw. Abendkasse. Internet: www.chiffren.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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