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Das Boot, der Kult, die Plastik

Ausstellung Das Boot, der Kult, die Plastik

Das Original von 1962 hat 740 PS, ist ein Viersitzer und der Inbegriff von Luxus, Süden und Sommersehnsucht: Das legendäre „Aquarama“ des italienischen Bootsbauers Carlo Riva ist Legende. Die Kieler Gruppe Kunst & Streben hat es aus Pet-Flaschen nachgebaut.

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Die Gruppe Kunst & Streben (v. l.) Uwe Gripp, Andreas Reinhardt, Nina Schlüter, Ilse Dau und Ruth Skibowski (vorn).

Quelle: Foto: Manuel Weber

Kiel. Weil es in seiner Formschönheit das Lebensgefühl der Sechziger in aller Eleganz transportiert, hat es nun die Kieler Künstlergruppe Kunst & Streben für sich adoptiert. Mit ihrem „Nachbau“ unter dem schlichten wie doppelsinnigen Titel Plastik bespielen die Fünf jetzt den Ausstellungsraum des Brunswiker Pavillons.

 Im vergangenen Jahr hatte die Gruppe mit ihrer ironischen und bisweilen entlarvenden Video-Arbeit Tal des Jammers den Landesschaupreis gewonnen. Damals war der BBK-SH in der Pinneberger Drostei zu Gast gewesen. Die preisgekrönte Arbeit, die in einem Nebenraum läuft, ist so doppelbödig wie die Philosophie der Künstlergruppe, die seit 1994 in regelmäßigen Abständen von sich reden macht. Wie vor zwei Jahren mit einer Hollywoodschaukel, die unter dem melodischen Titel Swing, Doris, swing den Optimismus der Wirtschaftswunderjahre aufleben ließ.

 Da sei es nicht weit gewesen zum Riva-Boot, sagt Mitglied Andreas Reinhardt, das nun aus rund 1400 Pet-Flaschen, Noppenfolie und einer Unterkonstruktion aus Sperrholz fast in Originalgröße im Pavillon aufläuft. Bier massenhaft, vornehmlich Tuborg, Wittenseer Mineralwasser und Iso-Drinks für den türkisblauen Wasserpass des „Aquarama“ waren der Grundstoff der Plastik, die trotz ihres zugegeben nicht gerade wertigen Grundstoffs den schnittigen Riss des Vorbilds nicht verleugnen kann. Billigbier, Wegwerfmentalität und ein gediegenes Luxusmotorboot, dessen Geschichte dickleibige Hochglanz-Bildbände füllt und schon als maßstabsgetreue Modell-Version teuer ist – natürlich ist das ein ziemlich plakativer Widerspruch. Dabei will Kunst & Streben den moralischen Zeigefinger doch eigentlich unten lassen. Okay, nach sechsmonatiger Arbeitsphase ist man in Sachen Recycling jetzt ziemlich beschlagen und weiß, dass keine dieser Flaschen je wieder bierselig wird. Und weil die Anfrage nach Leergut bei Tuborg erfolglos blieb, mussten die Pullen wohl oder übel ausgetrunken werden. Eine Party sollte den Bestand reduzieren, tat es allerdings nur bedingt, denn da sind sie sich einig: „Aus der Glasflasche schmeckt Bier einfach besser.“

 Am Ende hätten sie es den Schnecken gegeben, lautete etwas kleinlaut die Lösung, um an den Kunststoff zu kommen. Und der hat offenbar durchaus Charakter und kann die warmen Brauntöne von Mahagony und Teak im Rahmen seiner bescheidenen farblichen Möglichkeiten nachzeichnen. Da haben die Fünf mittlerweile ihre Erfahrungswerte: Die Lidl-Marke Perlenbach habe einen anderen Ton als Tuborg, konstatieren die Bootsbauer, aber leider stimme das Türkis vom Wasserpass nicht genau, den der Kranz aus Iso-Light-Flaschen von Aldi bildet.

 Aber das sind Feinheiten, wichtiger für Kunst & Streben ist es, Anstöße zu geben, eben um die Ecke zu denken. Dazu sei nun jeder eingeladen. Übrigens: Wie man Männer zur Kunst kriegt, wissen die Fünf jetzt auch. Der Bootsrumpf stand noch nicht einmal zur Hälfte, da habe man es draußen an der Scheibe nicht nur einmal rufen hören „guck mal ein Riva-Boot!“

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