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Nordisches Panorama, russische Panik

Kieler Philharmoniker Nordisches Panorama, russische Panik

Nancys Generalmusikdirektor Rani Calderon hatte sich als Gastdirigent der Kieler Philharmoniker einen besonders „starken“ Solisten für Sibelius' Violinkonzert gewünscht – er bekam für den Solo-Part sogar einen großartig prägenden!

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Der Geiger Marc Bouchkov machte das Konzert am Sonntagvormittag sogar für Sibelius-Verächter spannend.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Geht es um das Violinkonzert von Jean Sibelius, dann ist im technischen Bereich von „fast unerfüllbaren Ansprüchen“ (Albrecht Roeseler: „Große Geiger“) die Rede. Oder es wird über „schwungvolle Zerfahrenheit“ (Joachim Kaiser) genörgelt. Doch der 1991 in Montpellier geborene Geiger Marc Bouchkov machte das Konzert am Sonntagvormittag sogar für Sibelius-Verächter spannend. Er tauchte vollkommen in dem Werk ab, hatte seine Finessen voll im Griff und unter dem Bogen, leistete aber vor allem das Entscheidende: Er gewann dem eher nordisch schroffen Reißer ein Meer an herben und betörenden Farben ab. Sein Vuillaume-Instrument begeisterte mit einem erdig warmen Klang und einer raumflutend kraftvollen Präsenz.

Die Philharmoniker ließen sich vom Sibelius-Rausch anstecken, duckten sich spannungsvoll raunend im Flüsterpianissimo unter den sonoren Saitensound oder bildeten majestätisch und vielfältig schimmernd das Panorama. Ein aufregendes Hörerlebnis, das reichen Beifall und berechtigte Bravo-Rufe fand. Bouchkov dankte mit dem wahrhaft auratisch unkitschig zelebrierten ersten Satz aus der fünften Solo-Sonate seines belgischen Landsmanns Eugène Ysaye (1858-1931) – gewidmet Aurora, der Göttin der Morgenröte.

Völlig unnötig angesichts des probenintensiven und letztlich überlangen Konzerts war all dem Edvard Griegs Im Herbst vorgeschaltet, eine eher schwache Konzertouvertüre des sonst doch so wunderbaren Norwegers, deren konventionelle Konturen hier auch noch in vielen Einsätzen verwaschen blieben.

Calderon hatte ja im recht ordentlich besuchten Schloss mit den Philharmonikern tatsächlich viel Größeres vor: Dmitri Schostakowitschs Zehnte Symphonie. Das gewaltige e-Moll-Opus des bedeutenden russischen Gustav-Mahler-Erben und Prokofjew-Konkurrenten bildete nach dem Tod Stalins 1953 keinen echten Befreiungsschlag, sondern geronn zu einem düsteren Resümee der Jahre in Angst vor dem Kulturterror der Sowjetmächtigen und zu einer strengen Selbstvergewisserung des eigenen Könnens. Deshalb meißelt das Werk so verbissen das eigene Tonbuchstaben-Initial D-(E)S-C-H aus der Partitur.

Rani Calderon verstand es hervorragend, das oft schmerzverzerrt sich verdichtende Strömen zu eindringlicher Wirkung zu verhelfen. Prägnant schälten sich die Soli, etwa in Horn (Victor Sokolov), Klarinette (Ishay Lantner), Fagott (Riklef Döhl) oder Flöte (Ulla Freimuth), aus dem Tutti. Im zweiten Satz und im Finale trieb der umsichtige Dirigent die Musiker bis ins Tempo-Delirium und transportierte gerade auf diese Weise den panischen Schrecken – und den späten Triumph.

 

Das Konzert wird am Mo 24. Oktober um 20 Uhr im Kieler Schloss wiederholt. Einführung 45 Minuten vor Beginn. Karten: 0431 / 901 901.

www.musikfreunde-kiel.de

www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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