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Raumbilder in den Facetten der Zeit

Kunsthalle Kiel Raumbilder in den Facetten der Zeit

Fratzenhafte Gesichter und nackte Körper, Panzer, Waffen, Flüchtende, dazwischen Großstadtarchitektur, wuchernde Pflanzen und immer wieder Frauen. Die Bildwelt von Miriam Cahn ist so facettenreich wie faszinierend. Unter dem Titel "Auf Augenhöhe" widmet die Kunsthalle der Schweizerin eine opulente Einzelausstellung.

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„Das Spannende entsteht nicht unter Kontrolle“: Die Künstlerin Miriam Cahn hat die Hängung der Werke in Kiel selbst vorgenommen.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel.  Gut zehn Tage lang war Miriam Cahn gemeinsam mit Kunsthallendirektorin Anette Hüsch in den Räumen des Altbaus unterwegs, den sie sich für die Schau ausgesucht hat. Denn für die Künstlerin aus Basel, die heute in Bergell lebt, ist die Art der Präsentation ein wichtiger Teil ihrer Kunst. Die Hängung, die sie weitgehend selbst vornimmt, sieht sie als „öffentlichen Kommentar, wie ich momentan über meine Arbeit denke.“ Einen Katalog wird es aus diesem Grund auch erst Ende März geben, darin Aufnahmen der „Raumbilder auf Zeit“, die sich in der Kieler Ausstellungssituation manifestieren.

 Man tut gut daran, der 66-Jährigen bei der Konzeption einer Schau nicht ins Handwerk zu pfuschen – andernfalls packt sie ihre Sachen einfach wieder ein. So geschehen 1987 bei der Dokumenta 7, wo kuratorische Entscheidungen des damaligen Leiters Rudi Fuchs ihr missfielen und sie noch vor der Eröffnung mitsamt ihren Bildern kurzerhand wieder heimfuhr. Technisch war das machbar, denn damals arbeitete sie auf dünnem Papier, das sich zu handlichen Paketen zusammenfalten ließ. In Kiel ist ein Raum mit Arbeiten aus dieser Phase gefüllt. Die Zeichnungen über Das wilde Lieben in schwarzer Kreide hinterlassen durch das Zusammenfalten Abdrücke – die Bilder verändern sich.

 Eine derartige Dynamik ist Miriam Cahn nur Recht. In Kiel hat sie chronologische, thematische aber auch assoziativ durchmischte Räume gestaltet, darunter einen mit aktuellen Arbeiten. Ihre Kunst ist politisch und persönlich, geprägt durch den Einsatz von Körperlichkeit. Biographische Ereignisse wie der frühe Tode der Schwester oder die Fluchterlebnisse der aus Frankfurt stammenden jüdischen Familie fließen auf verschlüsselt verstörende Weise genauso in ihre Arbeit ein, wie Eindrücke der aktuellen Flüchtlingskrise. Oft entstehen ihre Werke performativ, manchmal mit geschlossenen Augen und auf dem Malgrund kniend, so dass der Boden sich als Frottage abzeichnet. „Das Spannende entsteht nicht unter Kontrolle“, sagt sie. Viel Zeit nimmt sie sich für ein Werk nicht. Maximal zwei Stunden müssen ausreichen, „um den Moment zu erwischen.“

 Schon in den feministisch bewegten 70ern, als in der Schweiz das Wahlrecht für Frauen beschlossen wurde, entwickelte die Künstlerin ein System aus Piktogrammen und Kürzeln, die sich bis heute durch ihre Bilder ziehen. Ein Haus steht etwa für das Weibliche, ein Kriegsschiff für das Männliche, Nacktheit für Verletzlichkeit oder das nackte Leben an sich. Das klingt einfach, erweist sich in seiner subtilen Verwendung jedoch als spannendes Gestaltungsmittel. Auf der Grundlage des zunächst in Schwarzweiß gehaltenen Zeichensystems entstand Anfang der 80er Jahre ihre Malerei. Die flächigen Farbfeldkompositionen in Aquarell, Pastell- und Fingerfarben geben ihren kürzelhaften Gestalten in großen Formaten Raum sich zu präsentieren – oder darin zu verschwinden, wie in den Arbeiten aus den 2000er Jahren, in denen die Künstlerin Szenen von Krieg und Folter für unzumutbar befand und mit neuen Farbschichten bedeckte. „Ich werfe nie etwas weg“, sagt Miriam Cahn, 2017 übrigens erneut als Dokumenta-Teilnehmerin gelistet. „Alles ist gleich viel wert.“

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