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Eine heilige Kunst

Kunsthalle Kiel Eine heilige Kunst

Historismus, Symbolismus und Jugendstil, Expressionismus, Kubismus und Futurismus: Kunstwerke von großer stilistischer und inhaltlicher Bandbreite, entstanden während des Deutschen Kaiserreichs, präsentiert die Kieler Kunsthalle in der neuen Schau "Gott und die Welt - vom sakralen zum autonomen Bild 1871-1918".

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Schellenkranz und Schlagbaum

Blick auf Gott und die Welt: Kurator Peter Thurmann mit Lovis Corinths „Das kleine Martyrium“ von 1913 (vorne rechts) und Max Klingers Gemälde „Nacht“ von 1896 (hinten). Im Hintergrund: Kunsthallendirektorin Anette Huesch.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Insgesamt 90 Gemälde, Grafiken und Skulpturen mit biblischen Motiven, ein Großteil davon Leihgaben, geben Einblicke in knapp 50 Jahre, die geprägt waren von gesellschaftlichen Spannungen und Widersprüchen. Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte Bismarcks Kulturkampf gegen die katholische Kirche sowie eine galoppierenden Industrialisierung zur allgemeinen Säkularisierung. Kirche, frommes Bürgertum und individuelle Künstlerpersönlichkeiten prallten aufeinander. Letztere beriefen sich in unterschiedlicher Weise auf die Tradition und ließen beim Rückgriff auf christliche Motive eindeutige religiöse Bezüge mehr oder weniger verschwimmen.

 „Es gibt kaum einen Künstler der Moderne, der sich nicht mit sakralen Motiven auseinander gesetzt hat“, sagt Peter Thurmann. Mit seiner „Wunsch-Ausstellung“, die diese oft vergessene Tatsache ins Gedächtnis rufen will, verabschiedet sich der langjähriger Sammlungsleiter in den Ruhestand.

 Bei der Hängung, die eine klare Trennung zwischen Malerei und Grafik vornimmt, hat der Kurator auf eine Chronologie zugunsten von thematischen Klammern verzichtet. Das Leben Jesu, Pietà-Darstellungen und Heiligenlegenden gehören zu den Themengruppen, genauso wie das Wirken Luthers. Verschiedenartige Auffassungen eines Motivs von der biblisch-pathetischen Umsetzung zur abstrakten Komposition, von jugendstiliger Lieblichkeit zur kantigen Expressivität werden durch die Gegenüberstellung plausibel. So pflegt etwa die 1873 entstandene Kreuzigungsszene von Eduard Gebhardt einen distanzierten Realismus im Stil der niederländischen Malerei. Dasselbe Thema erfährt bei Lovis Corinth 1913 durch die Nähe des Betrachters zum Motiv eine beinahe private Emotionalität. Im selben Jahr entsteht Wilhelm Morgeners farbintensives Gemälde Männer vor dem Gekreuzigten, dessen abstrakte Formensprache die Nähe zum Blauen Reiter verrät.

 Anders als die herkömmliche religiöse Kunst, die von den Kirchen als Auftraggeber gefordert und von den Gläubigen gewünscht wurde, fanden Künstler wie Morgener für ihre Arbeiten kaum Abnehmer. Adolf Hölzel ging es nicht besser, dessen kubistisch geprägte Fuge über ein Auferstehungsthema (1916) vom Zerfallen einer Welt im Kriegszustand kündet. Einen freien Umgang mit der Ikonographie pflegten auch Emil Nolde, Ernst Barlach oder Christian Rohlfs, dessen weißbärtiger Prophet (1917) als greiser Mahner gegen den Wahnsinn des Krieges aufgefasst werden kann.

 Interessant sind auch die motivischen Variationen zur Heiligenlegende, darunter Albert Weisgerbers einsamer Heiliger Sebastian vor dickem Baum (1909), der die Gesichtszüge des Künstlers trägt, oder Willy Jaeckels Heiliger Sebastian (1915) vor einer vom Krieg zerstörten Landschaft. Besonders anschaulich wird die Spannweite im Umgang mit sakralen Motiven schließlich im Hinblick auf die Madonnendarstellung. In der Lithographie von Edvard Munch 1902 halb entblößt als laszive Verführerin gezeigt, sieht Erich Heckel seine Madonna von Ostende (1916) als ausgezehrte, verhärmte Gestalt inmitten von Chaos. Welten liegen zwischen diesen Frauenfiguren und der Bergseemadonna (1920) von Josepf Untersberger. Sein kitschiges Mutter-Kind-Duo nebst güldenen Heiligenscheinen fand als gedrucktes Andachtsbild massenhafte Verbreitung auf dem privaten Markt.

www.kunsthalle-kiel.de

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