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Monitore an Fleischerhaken

Medienklasse stellt aus Monitore an Fleischerhaken

Spannender Ort für Kunst: Studierende der Medienklasse von Arnold Dreyblatt haben mit der leerstehenden Schlachterei in der Koldingstraße einen Glücksgriff getan.

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Ein Ort, der Geschichten erzählt: Die Medienklasse der Muthesius Kunsthochschule hat sich auf ihneingelassen.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. In Kiel einen Ausstellungsort zu finden, der eine Atmosphäre jenseits des klassischen White Cube bietet, ist nicht leicht. Studierende der Medienklasse von Arnold Dreyblatt haben da mit der leerstehenden Schlachterei in der Koldingstraße einen seltenen Glücksgriff getan. Der kleine Eckladen mit seinen Neben- und Kellerräumen ist bereits im Rohzustand dazu geeignet, Geschichten zu erzählen und hält genügen Platz für die Arbeiten der insgesamt 20 Teilnehmer bereit. Drei Wochen hatten sie Zeit, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen. Das Ergebnis präsentieren sie ab heute in einer Schau, deren Titel Butcher’s Shop – Flesh for Fantasy schon jede Menge Raum für Assoziationen lässt.

 Da gibt es ein ahnungsvoll ausgeleuchtetes Gelass, das durch abrupt wechselnde Lichtverhältnisse überrascht, woanders gaukeln Projektionen von Innen- und Außenwelten fragile Realitäten vor. Im Laden selbst, dessen vergilbte Kachelung den Charme der 60er und 70er Jahre versprüht, steht unter anderem ein Monitor, der schwappende Wasserbilder zeigt. Peristaltik nennt David Clausen die Arbeit, die durch dumpf gluckernde Geräusche eine verblüffend kreatürliche Wirkung entfaltet. Das vorgefundene Konterfei eines fröhlich lachenden Rindviehs, das unter dem bekannten „f“ für „Fleischerfachgeschäft“ klebt, hat Johanna Gerken zu kleinen, naiv-gegenständlichen malerischen Kommentaren inspiriert. Auf Kacheln sowie auf das Schaufenster aufgebracht, wirken Einkaufswagen, Schinken, Rollator und Co seltsam vielsagend und machen nachdenklich. Auf den ersten Blick ähnlich unschuldig ist eine Videoarbeit im Keller. Auf mehreren Monitoren ist hier eine junge Frau zu sehen, die kopfüber an einer Reckstange baumelt. In einer Soundcollage sind dazu ihre Erinnerungen an Kindertage zu hören. Das wäre nicht weiter gruselig, würden die Monitore nicht an Fleischerhaken hängen, deren ursprüngliche Bestimmung durch die harmlosen Videobilder überdeutlich wird.

 Schaurig ist auch die Videoperformance Tatort von Reza Ghadyani, deren blutrote Spuren im unterirdischen Gang zu bestaunen sind. Eine beinahe sterile Ästhetik bekommt die Beschäftigung mit roter Flüssigkeit in einem Video von Anne Sensel. Sie hat ein Tablet mit Bildern von sanft aufeinander zu fließenden Strömen von Rot auf einen hölzernen Hackklotz gelegt, dessen Gebrauchsspuren Bände sprechen. Vergleichsweise zart erscheint dagegen die Installation von Younkyung Lee, die anhand von umgestalteten Kleidern körperliche Befindlichkeiten ausdrückt. Oder die Arbeit von Jisu Jeong. Mit der bewegten Projektion einer Hand, die nach einer gemalten Hand greift, verleiht sie ihrer Sehnsucht nach ihrer weit entfernt lebenden Familie Ausdruck – „ein Versuch an einem so kalten Ort wie hier Gedanken an Wärme zu erzeugen.“

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