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Leuchtraketen ohne Halleluja

SHMF Leuchtraketen ohne Halleluja

Londoner hatten schon immer ein Händchen für Joseph Haydn. Der britische Alte-Musik-Geiger und Allround-Dirigent Andrew Manze ist aber spürbar nicht nur ein Glücksfall für den Schwerpunktkomponisten des diesjährigen SHMF – er ist ein Glücksfall für die NDR Radiophilharmonie Hannover.

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Starkes Team: Die englische Startrompeterin Alison Balsom mit Dirigent Andrew Manze (hier in der Lübecker Musikhalle).

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Wunderbar emotional aufgewühlt rast schon in Haydns früher g-Moll-Sinfonie der Puls, verschlagen einem die plötzlichen Herzschlag-Aussetzer im knappen Kopfsatz den Atem, begeistert die reich ausformulierte Rhetorik in den folgenden Sätzen.

Mozart übertrifft sein großes Vorbild in der krönenden Jupiter-Sinfonie, gerade weil er ihm stets aufmerksam zugehört hat. Manze und sein sichtlich verjüngtes und jungdynamisch frech aufspielendes Orchester zeigen mit vibratoarm „historisch informierten“ Impulsen und Explosionen Sinn für das himmlische C-Dur-Leuchten, für das Singen im langsamen Satz, die tänzerischen Impulse im dritten und die göttliche Ordnung im maximal vielgestaltigen Fugen-Finale. Kein Wunder, dass die Spieler und Hörer im gut besuchten Kieler Schloss gleichermaßen beglückt sind von solch klassischer Meisterschaft und sich alle gemeinsam auch noch von dem zugegebenen Finale aus Mozarts Haffner-Sinfonie (allerdings ohne Klarinetten) berauschen lassen.

Manze hat nicht nur ein beziehungsreiches Programm aufgelegt, er hat mit der 37-jährigen englischen Trompeterin Alison Balsom und der eine handvoll jüngeren Sopranistin Mari Eriksmoen auch noch zwei funkelnde Stars als Solisten geladen. Balsom begeistert in Haydns berühmten Es-Dur-Trompetenkonzert mit einem schön in Dynamik und Klangfarben abgestuften Part zwischen Angriffsattacke und inniger Lyrik. In der Debussy-Zugabe verwandelt sie die Querflöten-Aura von Syrinx in einen pandämonisch anspruchsvollen Trompeten-Höhenflug. Und in Bachs jubilierender Kantate BWV 51 strahlt ihr Hoch-B-Ton wahrhaft festlich. Außerdem hat man nach ihren Auftritten das Gefühl, dass draußen bestimmt schon Roger Moore den Lotus-Turbo aufheulen lässt, um sie ins nächste James Bond-Abenteuer zu entführen ...

Mari Eriksmoen ist eine ähnliche Erscheinung, gesegnet mit einem schwerelos lyrischen Koloratursopran, den sich ein Nikolaus Harnoncourt nicht ohne Grund für seinen letzten Mozart-Opern-Zyklus am Theater an der Wien als Susanna, Zerlina und Fiordiligi sicherte. Doch sollte die Norwegerin wissen, dass man bei einem internationalen Musikfestival nicht derart in den Noten kleben kann, wenn man Bachs Imperativ Jauchzet Gott in allen Landen annähernd ausdrucksstark und über die Reproduktion der allemal horrend schwierigen Töne hinaus über die Rampe bringen will. So bleibt das Ohr jedenfalls eher beim delikat begleitenden Cello Nikolai Schneiders als beim blassen Diskant- Alleluja hängen.

www.ndr.de/orchester_chor/radiophilharmonie/

www.shmf.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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