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Mozarts "Zauberflöte" als Milchstraßen-Roadmovie

Staatsoper Hamburg Mozarts "Zauberflöte" als Milchstraßen-Roadmovie

Die Regisseurin Jette Steckel hat Mozarts „Zauberflöte“ an der Staatsoper Hamburg als digital flimmernden Nahtod-Stream Taminos inszeniert. Im Publikum tobte deshalb bei der Premiere ein heftiges Für und Wider. Ein Zeichen für eine diskussionswürdige Neuproduktion.

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Das alte Paar Tamino (Daviet Nurgeldiyev, re.) und Pamina (Christina Gansch) auf dem letzten Weg ins ewige Licht.

Quelle: Arno Declair

Hamburg. Mozart trifft der Schlag: Sein sonst immer strahlend junger, jetzt gebrechlich alter Prinz Tamino sackt auf allerbestem Parkett-Platz schon während der Ouvertüre zusammen. Sitznachbarin Papagena holt noch die Sanitäter, aber es ist zu spät – die Oper wird zum visualisierten Nahtod-Gedankenstrom. Trotz allen Laserlichts am Ende des Tunnels und etwas selbstironischer Heiterkeit bei der autobiografischen Beichte wird daraus insgesamt eine bewegende, letztlich traurige Geschichte.

Und die passt erstaunlich gut: Im heftigen Schaffensrausch seines letzten Lebensjahres 1791 hatte das verglühende Genie Wolfgang Amadeus der Musikwelt mit dem märchenhaft philosophischen Singspiel Die Zauberflöte eines der schönsten, aber bis heute ungelöst widersprüchlichen Rätsel aufgegeben. Der vielbeachteten, jungdynamischen Regisseurin Jette Steckel – in Hamburg vom Thalia Theater in die Dammtorstraße übergelaufen – gelingt eine insgesamt diskussionswürdig zugespitzte und entsprechend heftig umstrittene Neuinszenierung. Dass sie dabei zwischendurch auch ein paar Leerstellen produziert und sich Mätzchen leistet, wie die billige Animation des Publikums zum Zauberglöckchen-Mitsingen – geschenkt!

In Taminos verlöschendem Hirn spult sich also sein Lebensfilm ab. Das Findelkind mit der schön lyrischen, allerdings nur bedingt heldisch strahlkräftigen Tenorstimme (Daviet Nurgeldiyev) wird von Nonnen in die Spur gesetzt (die drei nicht hunderprozentig homogenen Damen Iulia Maria Dan, Nadezhda Karyazina und Marta Swiderska). In der Auseinandersetzung mit den ambivalenten Lehren der Weltreligionen, der Freimaurerei und anderen gedanklichen oder realen Hindernissen entwickelt er sich zum ernsthaften Sinnsucher und schwärmerischen Verehrer der viel zu spät erreichbaren Traumfrau Pamina. Die ist, zumal besetzt mit der farbenreich, allerdings in der heiklen Todesarie auch übersteuert expressiv singenden Sopranistin Christina Gansch, ein Ausbund an Liebes- und Leidensfähigkeit.

Eng ist der Bezug zum ewig jung bleibenden, irdisch genusssüchtigen, hormongesteuerten Hallodri Papageno, dem der britische Bariton Jonathan McGovern kernig Statur und Stimme gibt. Er ist das Alter Ego oder der gute Freund, dessen Unbekümmertheit Tamino selber gern ausgelebt hätte, um sich rechtzeitig eine Papagena (Maria Chabounia) aus der Masse zu angeln. Die drei Knaben, gut singende und munter agierende Solisten des Knabenchores an der Chorakademie Dortmund, mischen sich als freudsches ICH ins rückgespulte Geschehen.

Steckels Team (der Bühnenbildner Florian Lösche, die Kostümbildnerin Pauline Hüners sowie Paulus Vogt und Alexander Bunge von Eins[23].TV für Licht und Video) generiert vor allem mit sieben gestaffelten LED-Prospektgehängen ein glitzernd-gleißendes Milchstraßen-Roadmovie, (über)voll von heutig digitalisierten Zeichen und Effekten.

Im neu interpretierten Kosmos von Schikaneders geschickt eingedampften und partiell aufgepeppten Singspiel-Texten (darunter als Kern Mozarts eigene kühne Vater-unser-Verbiegung: „Herr, es gescheh’ dein Wille bei Tag – und meiner in der Nacht ...“) finden der vermeintlich sonnenstrahlende Sarastro und die nächtliche Königin nur als bedrohlich riesige Video-Projektionen statt: eine hohnlachende Vaterfigur und die böse Schwiegermutter aus dem Psychomärchen ­– polarisiert in Schwarz und Weiß, Yin und Yang, doch beide hoch problematisch für Tamino und Pamina, flankiert von mephistophelischen Kanaillen wie Monostatos (Dietmar Kerschbaum). Singen müssen der zu wenig balsamisch strömende Bass Andrea Mastroni und die faszinierend blitzsauber resonanzreiche und zumindest in der zweiten Arie ansatzweise dramatische Koloraturjongleurin Christina Poulitsi aus dem von Akteuren umzingelten Orchestergraben.

Darin leitet der korsische Alte-Musik-Spezialist Jean-Christophe Spinosi das demonstrativ junge, mit mehreren Debütanten noch spürbar aufgeregte Ensemble. Die Philharmoniker produzieren unter seinen Händen etliche kundig durchartikulierte und klanglich reizvolle Momente, verharren aber vor allem in der ersten Hälfte darin oft auch zu statisch. Das steht dann im schiefen Kontrast zum Countdown der allerletzten Assoziationen Taminos. 

 

www.staatsoper-hamburg.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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