20 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Fury in the Slaughterhouse traben an

Talk mit Kai Wingenfelder Fury in the Slaughterhouse traben an

Ihre Hits wie „Time To Wonder“ oder „Won’t Forget These Days“ sind im kollektiven deutschen Musikgedächtnis verankert. Zum 30. Bandjubiläum beschloss die 2008 aufgelöste Hannoveraner Rockband Fury in the Slaughterhouse, wieder auf Tour zu gehen, auf der sie nun auch nach Kiel kommt.

Voriger Artikel
Mit ernstem Brahms zum Sieg
Nächster Artikel
Festivalklang in der Elbphilharmonie

Fury in the Slaughterhouse haben das Pferd noch einmal gesattelt: (v. li.) Gero Drnek, Christian Decker, Christof Stein-Schneider, Kai Wingenfelder, Thorsten Wingenfelder und Rainer Schumann.

Quelle: MARTIN HUCH PHOTOGRAPHY

Kiel. Interview: Thomas Bunjes

Fury in The Slaughterhouse, das wirkt ja seit der ersten Auflösung vor neun Jahren wie eine On/Off-Beziehung. Man trennt sich, kommt aber einfach nicht voneinander los. Richtig?

Fury-Sänger Kai Wingenfelder: Wir sind befreundet. Wir haben einfach so lange Zeit miteinander verbracht, dass man auch einfach gar nicht komplett voneinander loskommen will. Aber wir wollen halt einfach nicht mehr mit diesem normalen Band-Procedere weitermachen. Wir haben zwischendurch, 2013, einmal eine Show gespielt. Und dann nochmal für eine Nummer mit den Jungs von der Mannschaft im Stadion, als Hannover 96 in die Euro-League kam. Ansonsten haben wir nichts getan außer den Sachen, die wir alle selber machen. Das hätten wir auch so weitergemacht, wenn nicht der kleine Kai auf die Idee gekommen wäre, was zu unserem 30. Geburtstag zu machen.

Im März hattet Ihr Euren Tourauftakt zum Jubiläum vor rund 35000 Fans in der dreimal ausverkauften Tui-Arena in Hannover. Wie lange wirkt so ein Erlebnis noch nach?

Sagen wir mal so: Es hat Folgen gehabt. (lacht) Das ist schön, wir sind dankbar, es war großartig und unerwartet. Die Nachwirkungen kriegt jetzt das Land zu spüren, weil wir eigentlich gar nicht tun wollten, was wir jetzt tun. Da gab’s ne Nachfrage, und die wollte bedient werden. Und weil wir gerade Spaß hatten, und das ist nun mal das Wichtigste, und uns ganz gut verstanden durch das Aufkommen der alten Lässigkeit, haben wir gesagt: Komm, ein Jahr, aber nix mit großen Plattenverträgen und irgendwelchem Schwachsinn, bis 31. 12., dann geht die Lampe wieder zu und dann vielleicht in fünf Jahren mal wieder.

Es ist ja auch von einer „Reminiszenz an die Fans“ die Rede. Offenbar handelt es sich in Eurem Fall um eine sehr treue Spezies. Kommen da eigentlich immer noch neue, junge dazu?

Ja, komischerweise ist das jetzt so. Die ganzen ersten Reihen haben eine gnadenlose Verjüngungskur hinter sich gebracht, die uns noch nicht so verständlich war. Normalerweise müssten die jetzt alle so zwischen 40 und 50 sein, in der ersten Reihe, die sind aber zwischen 20 und 50. Entweder sind die Kinder noch mit dabei (lacht), die alle zu „Time To Wonder“ gezeugt worden sind, oder es gibt jetzt wahnsinnig viele Leute, die das irgendwie spannend finden, durch ihre Eltern oder durch Freunde, die aber alle jünger sind. Das freut uns, das ist schön, aber im Endeffekt ist es so, dass wir schon eine sehr treue Fangemeinde haben und in Hannover hat man das so gemerkt, dass wir denen schon so ein bisschen gefehlt haben.

Singen die jungen denn auch mit, kennen die die Texte?

Die singen auch mit, ja klar. Die drei, vier großen Singles laufen ja seit den 80ern im Radio. Allein „Time To Wonder“ läuft viermal pro Tag im Norden. Selbst Bayern 3 spielt wieder Fury, ich hab‘ gedacht, das kann nicht wahr sein.

30 Jahre, lange Zeit. Wie schnell ist die denn vergangen für Dich?

Am Anfang langsamer, am Ende schneller. (lacht) Wenn man jetzt dasitzt und so überlegt, wie das war, und ich sitze hier gerade in meinem Studio und da hängen so’n „Mono“-Plakat und 4081 Backstage-Pässe und bei paar Goldene an der Wand, dann ist es manchmal wie gestern – gerade auch, wenn man die Band wieder trifft – weil wir uns echt so lange kennen, ey, wir haben anfangs ‘ne WG zusammen gehabt. Wenn ich so zurückdenke: eigentlich zu schnell. Amerika ist auch an mir so vorbeigerauscht, bumm, das war auch wie so ein monatelanger Dauerrausch. Damals stand man auch bei „Rettet die Weltmeere“ vor 300000 Menschen, und da spielste und dann trinkst du drei Bier und denkst dir: Oh toll, da vorne kommt noch der Maffay um die Ecke. Eigentlich ist es jetzt angenehmer, mit dieser leichten Alterslässigkeit, dieser Reife, weiß man diese Dinge jetzt zu schätzen. Ich finde das sehr schön.

Dennoch heißt der Song, den Ihr zum 30. geschrieben habt, „It’s Not Easy“. Was ist denn nicht einfach, was wird denn da beklagt?

Ah, Du, da wird gar nichts beklagt, das wäre Jammern auf hohem Niveau. Aber manchmal muss man den Leuten auch mal so’n Zahn ziehen, immer Größter, alles ist easy, und alle drei Tage kommt einer, bringt dir Geld vorbei und küsst dir die Füße. Nee, das ist nicht so. 30 Jahre dauernde Selbständigkeit und von dem leben, was man so künstlerisch erschafft, ist nicht immer so easy, wie die Menschen sich das vorstellen. Erfolg ist immer toll, aber das Leben ist für Künstler ja meistens ‘ne Sinuskurve, es geht rauf und runter. Und wenn’s dann unten ist, dann neigt man dazu, was viele Künstler umbringt, dann haut man sich die Birne zu, weil man mit dem Frust nicht klarkommt, andere Leute ballern sich die Drogen in den Kopf oder die anderen hängen sich gleich ganz auf. Ich find‘s auch schwierig,  manchmal in meinem Bettchen zu liegen, wenn ich nicht weiß, wo die Kohlen mal gerade herkommen sollen, und dann hast Du ‘ne Frau mit zwei Kindern und ‘n Haus und zwei Hunde und die wollen alle was zu futtern haben. Und wenn man dann vorne in der Öffentlichkeit steht und seine Sachen macht und du kriegst dann Kritiken an den Kopf geblasen wie: ‚Scheiße, typisch Hannover – das war die erste Kritik von „Tip Berlin“ für „Mono“ oder so – dann tut einem das weh, man wird auch verletzt. Wenn man sich als Künstler öffentlich macht und die Hose runterlässt, was man als Künstler ja schon muss, dann bietet man eben auch sein blankes Hinterteil an, und da kann man auch mal draufhauen.

Ihr alle habt ja noch diverse Sachen neben Fury laufen. Was macht eigentlich Baltic Sea Child, Dein Projekt mit Musikern der Kieler Folkband Tears for Beers? Liegt das auf Eis? Ihr hattet ja 2014 ein Album rausgebracht und wart damit auf „Dorfkrug-Tour“ hier durch die Lande …

Das liegt im Moment auf Eis, ja.

Ist also nicht tot?

Nee, das ist nicht tot, das macht mir Spaß. Das kann ich mein ganzes Leben lang machen, ich habe ja diese Vorliebe für irische Musik, die pur geblieben ist. Ich mag nicht diese irische Folk-Rock-Variante mit ganz vielen E-Gitarren, ich bin da totaler Purist, ich steh‘ auf die Pogues und so. Bei Baltic Sea Child war das einzige E-Instrument der Bass, weil’s einfach mehr Sinn macht als mit ’nem Kontrabassisten. Das sind alles Freunde und wohnen alle bei uns entweder aufm Dorf  oder nebenan oder zwei in Kiel, das passt einfach so, macht Spaß.

Wo wohnst Du denn?

In der Nähe von Schleswig, direkt am Naturschutzgebiet Hüttener Berge, drei Kilometer von der Schlei entfernt, in Einzellage, da lebe ich seit 2000. Hier ist auch das Fury-Studio, hier haben wir die letzten drei Platten aufgenommen, auch mein Soloalbum und die Wingenfelder-Alben. Das ist schön: Also eigentlich da, wo andere Leute Urlaub machen.

Konzert: Freitag, 18. August, 19 Uhr, Krusenkoppel, Kiel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3