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Die Blumen des Kieler Expressionisten

Rainer Tews Die Blumen des Kieler Expressionisten

Ein Artikel in unserer Zeitung machte den Kieler Rainer Tews neugierig. Jetzt weiß er endlich, wer der Künstler war, der seine dekorativen Wandteller bemalte.

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Rainer Tews ist neugierig geworden, als er den Namen Drömmer in unserer Zeitung las.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Da stutzte Rainer Tews, als er auf unserer Kulturseite den Nachruf auf den Kieler Sammler Jürgen Hacker las und dort auf den Namen Friedrich Peter Drömmer stieß. Unverkennbar und leserlich mit Drömmer waren zwei mit Rosen und Klatschmohn bemalte Wandteller signiert, die seit „Ewigkeiten“ einträchtig nebeneinander an der Wand des familieneigenen Hauses hingen, in dem Tews aufgewachsen ist. Die Urgroßeltern hatten das schmucke Gründerzeithaus im Jahre 1909 erbaut, in dem der 70-Jährige seit Kindertagen lebt. „Ich wusste nur, dass in der Familie von einem Fiete Drömmer die Rede war“, sagt Tews, „mehr nicht.“

 Der Anruf in der Stadtgalerie Kiel endete für Direktor Wolfgang Zeigerer mit einer freundlichen Einladung in die Harmsstraße, denn Tews wollte die Drömmer-Blumen gern dem Museum überreichen. Die hätten zwar kaum materiellen, dafür aber kunsthistorischen Wert, freut sich Zeigerer beim Ortstermin. Zeigerer hat für Tews eine Kopie mit Material zu Drömmers Vita mitgebracht. Der Maler, 1889 in Kiel geboren, war Sohn eines Tischlermeisters. Nach der Volksschule absolvierte er eine Malerlehre, die er 1908 abschloss. Drei Jahre lang, von 1909 bis 1912, besuchte Drömmer die Städtische Handwerkerschule in der Legienstraße, die jetzige Muthesius Kunsthochschule. Ein Stipendium des kunstsinnigen Kieler Bankiers Wilhelm Ahlmann öffnete Drömmer dann eine weitere Tür zur künstlerischen Ausbildung. Ein Jahr lang studierte Drömmer an der Hochschule für bildende Künste in Weimar.

 Rainer Tews hält es für durchaus möglich, dass es der Kontakt zu Ahlmann war, der damals zu der Bekanntschaft mit Drömmer führte. „Die Hölterlings und vor allem meine Familie mütterlicherseits waren bürgerlich und durchaus kunstsinnig“, sagt Tews. Durch Wilhelm Hölterling als Inhaber einer Fabrikation für Margarine und Industriefette könnte über Ahlmann eine Verbindung zustande gekommen sein. Die dekorativen Wandteller jedenfalls hängen damals wie heute über dem Klavier in der Harmsstraße. „Eine typische Fingerübung zur Vervollständigung der Kenntnisse im Malerhandwerk“, meint Zeigerer, „wahrscheinlich in den Jahren an der Kieler Handwerkerschule entstanden.“

 Rainer Tews freut sich sichtlich über den Wissenszuwachs und sieht die Teller jetzt in guten Händen. Aber bevor man sich trennt, möchte er gern noch eine Überraschung im Keller präsentieren. Die große verstaubte Pappe, die er dort wenig später aus einem Stapel zieht, erweist sich als Konterfei des jungen Friedrich Schiller. Signiert und datiert unten rechts mit „Drömmer 1905“. Drömmer und Schiller? Zeigerer ist sich sicher, dass es sich bei dem Porträt um eine Zeichnung handelt, die nach abkopierten Vorlagen entstanden ist. Im Jubiläumsjahr 1905, als der 100. Todestag des Klassikers allgegenwärtig war und die Verehrung in Postkarteneditionen, Büsten und opulenten Sonderausgaben ihren Ausdruck fand.

 Ehrensache für Tews, dass auch Schiller im Magazin der Stadtgalerie seine letzte Ruhestätte finden soll. Die zugehörige Anekdote aus den Nachkriegsjahren in der Harmsstraße möchte er allerdings noch nachreichen: Die ersten Nachkriegsjahre in Kiel. Die Schulkameraden ringsum seien ja alle ausgebombt gewesen. Und wo spielen, wenn die Familie auf engstem Raum im Keller wohnte? Das Haus in der Harmsstraße stand unversehrt da und hatte die Bombentreffer heil überstanden. Klar, dass die Freunde zum Spielen in den großen Garten hinter dem Haus zu Rainer Tews kamen, wo man sich Höhlen baute. Und weil sich die Jungs den gemütlichen Platz nicht mit den Hühnern teilen wollten, habe er im Keller gestöbert und diese großen Pappen als geeignet befunden. Schiller diente fortan als klassische Trennwand. Flankiert übrigens von Goethe. Der muss sich aber irgendwann aus dem Staub gemacht haben.

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Ein Artikel von
Maren Kruse
Kulturredaktion

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